3.0.1" />
Unsri Heimet

Unsri Heimet – do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

Das Elsass retten (2/12)

Posted on octobre 25th, 2015 by Klapperstein

Ich, der ich euch diese Geschichte erzähle, sitze in einer Lounge des Flughafens Basel-Mülhausen und warte auf den Chef. Sein Flug hat Verspätung. Vor mir steht schon der zweite Cappuccino. Sonst trinke ich nie Kaffee. Um mich herum nur leere Gesichter, eilende Passagiere, gelangweilte Sicherheitsleute. Also nutze ich die Zeit, um euch zu schildern, wie ich ihn kennenlernte.

Es war in der Sahara im Süden Algeriens unweit des Fleckchens In-Eker. Ich war auf die wahnwitzige Idee gekommen, hier allein eine Wanderung zu unternehmen und hatte mich verlaufen. Ich hatte kein Wasser mehr und lag im Sterben. Plötzlich hörte ich das Bimmeln kleiner Glöckchen und es erschienen aus allen Himmelsrichtungen Menschen mit Bauchläden, die Sandsäckchen verkauften. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich im Begriff war, einen Zehnerpack zu ramschen, ein Schnäppchen, bei dem ich zehn Cent pro Säckchen gespart hätte.

Doch eine Hand hielt meinen Arm zurück, der den Geldschein schon hinstreckte. Es war der Chef. Er gab mir zu trinken, half mir wieder auf die Beine und erklärte mir, dass wir nicht bleiben durften. In dieser Gegend hatte die französische Armee zwischen 1961 und 1966 dreizehn Atombomben explodieren lassen. Die Kolonialherren hatten sich nie darum bemüht, den Schaden wirklich zu beheben. Hier lauerte der Tod. Wir mussten verschwinden.

Gemeinsam machten wir uns auf den langen Weg zurück nach Europa. Ich habe von dieser Reise nur eines in Erinnerung: Unsere Gespräche. Wir gingen von morgens bis abends und redeten. Wir ritten keine Kamele, fuhren nicht mit Bussen, ich glaube auch nicht, dass wir geflogen sind. Sind wir zwischen Karthago und Marsala, zwischen Messina und San Giovanni auf dem Mittelmeer gegangen? Ich könnte nicht schwören, dass wir es nicht taten.

Mit dem ersten Satz hatte jeder den anderen als Elsässer erkannt. Beim zweiten wussten wir, dass wir die gleiche Leidenschaft teilten. Zugegeben: Er war derjenige, der am meisten sprach und seine Worte ersetzten mir das Essen und Trinken. Er war ein Buch, eine wandelnde Bibliothek, der mit tausend Anekdoten und Pointen in reinster Stroßburjer Mundart unsere Geschichte erzählte.

Als Germanen beritten wir die Ebene zwischen Rhein und Vogesen, als Mönche schauten wir über Kollege Ottfrieds Schulter und wohnten der Geburtsstunde der deutschen Literatur bei; als Bürger der Stadt Straßburg gewannen wir die Schlacht gegen unseren Bischof und gründeten eine freie Republik. Wir waren zwei barfüßige Nichtsnutze, klauten hier drei Kartoffeln, dort ein ganzes Huhn, sahen den Mädchen nach, erfanden Liebeserklärungen und spitzten die Ohren, wenn ein Schauspieler auf offener Straße aus Sebastian Brandts Narrenschiff vorlas. Als Kleinbauern schlossen wir uns dem Bundschuh an, liefen nach Davos und dreschflegelten einen Großen dieser Welt windelweich.

Mal war es ein Feldarbeiter, der uns auf dem Weg grüßte, mal stand eine Frau vor ihrer Haustür und bot uns ein Glas Wasser an: Dann sprach der Chef im Maghreb abwechselnd Arabisch oder Kabylisch, in Italien Italienisch. Wir gingen über den Brenner. Er zeigte mir den Südtiroler Weg, als Minderheit in einem Zentralstaat weiterzubestehen. Hier begann der deutsche Sprachraum, hier fühlte er sich zuhause.

»Spiersch«, sagte er, »spiersch wie d’Heimet sich anfiehlt, wie se schmeckt! Un waje dämm mues m’r immer widder furt: fir d’Heimkehr stäriker ze genieße!«

Damals maß ich dieser Aussage nicht ihre volle Bedeutung bei. Sie hätte mir den Stich ins Herz viel früher gegeben. Ich hätte mich auf die unvermeidliche Trennung vorbereiten können. Denn hier muss ich es gestehen: Ich reise äußerst ungern, eigentlich nie. Diese Wanderung durch die Sahara war eine Ausnahme gewesen, ein Selbstmordversuch.

Es dauerte Jahre, bis ich es endlich erkannte. Der Chef hatte mich nicht nur vor dem Verdursten gerettet, sondern auch vor mir selbst. Ich hatte sterben wollen, weil ich das deutliche Gefühl hatte, vom Nichts verdaut zu werden. Und dieses Nichts hatte er mit Worten, mit seinem Lächeln, mit seiner Energie weggewischt.

Er blieb nicht lange im Elsass, er hielt es einfach nicht aus, unsere Herdentiermentalität entmutigte ihn. Eines Tages kam er zu mir und sagte, er hätte die Gelegenheit, eine Perlenzucht in Tahiti zu übernehmen, er hatte das Flugticket schon gekauft. Die Nachricht schnürte mir die Kehle zu. Tags darauf war er weg und ich nahm mein Stubenhockerdasein wieder auf.

Ich lebte von nun an das ganze Jahr nur noch für die zwei Sommermonate, in denen er für seine Geschäfte zurück in die Heimat flog, und für die monatliche Post aus Papeete. Er hatte nämlich eine autonomistische Zeitschrift gegründet, für die er weiterhin schrieb. Mir schickte er die Artikel zu. Das waren die Lichtblicke meines Lebens, die mir Mut machten, um Monat für Monat die zweitausend Adressen der Abonnenten auf die Umschläge zu kleben.

Später kam das Internet. Seither sind wir fast täglich in Verbindung. Und gestern erhielt ich diese E-Mail, in der er mir die Episode mit Wolfi bis ins letzte Detail beschrieb und sagte, dass er nun endgültig zurück ins Elsass wollte.

Die Fluganzeigetafel rattert … Da! Papeete! Mist! Immer noch keine präzisere Angabe über die Verspätung … Also kann ich euch weiter vom Chef erzählen.

Seine Mutter Jeanine. Als ich sie kennenlernte, war sie noch hell im Kopf. Ich besuchte sie zweimal die Woche im Altersheim. Sie erzählte mir aus ihrem Leben. Wenn sie sprach, vergaß ich meine leere Wohnung und sie die allzu sauberen Flure der Anstalt, den süßlichen Geruch industrieller Fertiggerichte und die Stille des Alltags, die nur von Fernsehlärm unterbrochen wurde.

Sie stammte aus einer Krämerfamilie in Buchsweiler, hatte dort ihre Kindheit zwischen Obst- und Gemüsekörben, Kommunalschule, Suppenwürfeln und Büchsenmilch verbracht. Eine gediegene Eintönigkeit, die nur vom Krieg unterbrochen wurde, vor allem als er zu Ende ging und die Befreier ins Städtchen einzogen. Jeanine bekam damals mit siebzehn zum ersten Mal süßes Herzklopfen.

Am 22. November 1944, sie erinnerte sich an den Tag genau, hatte eine Kolonne amerikanischer Militärfahrzeuge in ihrer Straße haltgemacht. Die Menschen liefen aus den Häusern, um die Soldaten zu begrüßen und staunten nicht wenig, als sie entdeckten, dass es französische Einheiten waren. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, Neugierige strömten aus der Nachbarschaft herbei, bald war das ganze Städtchen von Jubel und Gesang erfüllt.

Aus der Luke eines Shermanpanzers, der wenige Meter vom elterlichen Geschäft stand, ragte der unbehelmte Kopf eines jungen Mannes, den niemand zu bemerken schien. Jeanine trat aus dem Laden, musterte ihn verstohlen und tat, als ihre Blicke sich kreuzten, etwas Unerhörtes, das aber in der allgemeinen Begeisterung nicht auffiel: Sie kletterte auf das eiserne Monster und küsste ihn.

Er hieß Achmed und kam aus Oran in Algerien. Seit ihrer Landung in der Normandie kämpfte er in der französischen Division an vorderster Front. Doch der siegreiche Krieger, der unsagbare Scheußlichkeiten erlebt hatte, errötete und senkte den Blick vor dem jungen Mädchen. Da er nichts anderes dabei hatte, schenkte er ihr eine angebrochene Zigarettenpackung. Sie rannte in ihr Zimmer hoch und brachte ihm einen weißen, seidenen Schal ihrer Großmutter, für dessen Verlust sie später von ihrer Mutter gescholten wurde. Er legte ihn sich um den Hals und bedankte sich.

Aber die Zeit drängte. Die Offensive ging weiter nach Straßburg. Ein paar Worte, ein Adressentausch und das Versprechen, sich zu schreiben. Am unteren Ende der Straße fuhren schon die ersten Halftracks los. Achmed setzte seinen Helm auf und fuhr mit den anderen weiter. Das Regiment verschwand, wie es gekommen war.

Jeanines junge Liebe wurde in den folgenden Monaten auf eine harte Probe gestellt. Die französische »Poste aux armées« tolerierte die Korrespondenz zwischen Soldaten der Kolonien und Französinnen nicht. Als Absender schrieb sie immer die Adresse einer ihrer Tanten und ihre Briefe kamen alle ungeöffnet zurück. Mehr als fünfzig Jahre später zeigte sie mir das Bündel nicht zugestellter Umschläge, die sie aufgehoben hatte.

Achmed kam zurück. Am Tag des Waffenstillstands besetzte seine Einheit den Berghof in Obersalzberg. Für den ersten Urlaub meldete er Buchsweiler im Elsass als Aufenthaltsort an.

Der Tag des Wiedersehens wurde für Jeanine der schönste und schrecklichste ihres Lebens. Sie versprach Achmed ewige Liebe und wurde am Abend von ihren Eltern beschimpft und geohrfeigt wie noch nie. Für diese war er längst kein Befreier mehr, sondern nur ein hergelaufener Araber, der sich ja nicht einbilden sollte, er würde eines Tages Besitzer ihres Geschäfts werden.

Jeanine war noch minderjährig und musste sich fügen. Achmed blieb Soldat. Der Kampf um Europa war beendet, nun zog Frankreich in Asien in den Krieg: Mit Kanonen und Napalm gegen die Viêt Minh. Diesmal fanden die Verliebten Mittel, die Postzensur zu umgehen, trotzdem blieben sie sechs volle Jahre getrennt. Ich fragte Jeanine, wie sie es als junge Frau so lange ausgehalten hatte. Sie wusste es selbst nicht mehr.

Achmed kam auch aus diesem Krieg zurück. Ein Kopfschuss beendete seine Soldatenkarriere. Als sie das erzählte, zeigte Jeanine einen Kreis mit Zeigefinger und Daumen: So groß war das Stück Schädelknochen, das ihm von nun an fehlte. Aber die Verletzung hatte keine weitere Konsequenzen. Er verbrachte einige Wochen im Lazarett, dann heirateten sie in Straßburg. Der Bruch mit ihren Eltern war endgültig.

Auf so einem Flughafen erfährst du nichts. Und ich bin nicht der Typ, der zum Schalter läuft und fragt und nicht nachgibt, bis er seine Information hat. Ich bin halt ein viel zu braver Geselle … Immer noch kein Chef in Sicht. Weiter mit Jeanine.

Wo war ich stehengeblieben? Hochzeit. Kleine Neubauwohnung im Straßburger Vorort Neuhof. Anfangs arbeiteten beide, sie als Sekretärin, er als Metallarbeiter. Und da geschah es. Leider konnte Jeanine nur wenig darüber berichten. Sie interessierte sich nicht für Politik. Auf jeden Fall trat Achmed einer Gewerkschaft bei und kam so zum ersten Mal mit Leuten der Unabhängigkeitsbewegung in Berührung.

Was genau passierte in seinem Kopf? So viel ist sicher: Vom braven Eingeborenen, der für das »Vaterland« Kopf und Kragen riskiert hatte, wurde er zum aufrechtstehenden Algerier, der sich für die Befreiung seine Volkes einsetzte. Wahrscheinlich vollzog sich dieser Prozess nach und nach, durch Lektüren, Gespräche, Teilnahme an Versammlungen …

Oder vielleicht nicht? Erfuhr er eines Tages über die Geschehnisse von Sétif am 8. Mai 1945 und wurde so schlagartig zum Widerstandskämpfer? Die französischen Zeitungen berichteten nicht darüber und wenn, dann verharmlosten sie es. Dabei genügten schon die nackten Tatsachen, um jeden vernünftigen Menschen in blanke Wut zu versetzen: Genau an dem Tag, an dem Achmed als Sieger auf Hitlers Terrasse saß und die Berglandschaft genoss, massakrierte die Armee, in der er gekämpft hatte, zehntausend seiner Landsleute, und diese Zahl ist von allen Sourcen die geringste.

Eines steht fest: Als sein Sohn zur Welt kam, gehörte Achmed längst der Bewegung an. Und er wird wohl den Tag dieser Geburt als Zeichen des Himmels interpretiert und sich in seinem Engagement gestärkt gefühlt haben. Der Chef kam am ersten November 1954 in Straßburg zur Welt, der Tag, der als »Rotes Allerheiligen« in die Geschichte eintrat, weil siebzig Bombenanschläge in Algerien den Auftakt zum Befreiungskrieg gaben.

Ich glaube, da rührt sich was. Um die Anzeigetafel zu sehen muss ich aufstehen … Nur noch eine halbe Stunde! Es geschehen doch Zeichen und Wunder. Für eine letzte Episode haben wir noch Zeit.

Achmed griff nicht zu den Waffen: Nach seiner Verletzung hatte er die Uniform an den Nagel gehängt. Er war ein junger Vater, der Kampf fand in Algerien statt und außerdem hätte Jeanine es nicht ertragen. Während des ganzen Krieges lag kein einziger Revolver, nicht einmal ein Taschenmesser, auch nicht vorübergehend, in ihrer Wohnung, sagte sie stolz. Dafür setzte er sich umso mehr im Untergrund ein.

Der Krieg wurde neben anderen Quellen auch von den zahlreichen Algeriern finanziert, die in Frankreich lebten und Geld verdienten. Vertrauensleute der Nationalen Befreiungsfront – FLN – sammelten in aller Heimlichkeit ihre Steuern ein und leiteten sie an höhere Stellen weiter. Oft wurde ihnen dabei von sogenannten Kofferträgern geholfen: Franzosen, die den algerischen Widerstand befürworteten und sich engagierten.

Jeanine hatte für Politik nichts übrig, doch stand sie ihrem Mann bei. Ihr Säugling war auch für die Bewegung ein Geschenk des Himmels. Sie schmunzelte, wenn sie es erzählte:

»Die zwei odder drei Mol, wo sie m’r mini Papierer verlangt hann, isch ke Schandarm uff die Idee komme, d’ Kinderkütsch ze durichsueche!«

Das Geld wurde in der Matratze gestopft, und Jeanine konnte, unverdächtig wie sie als Französin mit Kleinkind war, ohne Sorge ganz Straßburg durchqueren. Als das Kind größer wurde, fand man andere Lösungen. Jeanine erinnerte sich an einen dreirädrigen Traktor aus Holz, dessen Motor ein Geheimfach verbarg. So wurde der Chef, wenn auch ohne Koffer, zum jüngsten und erfolgreichsten Kofferträger der Geschichte, und aus Achmeds Bezirk vermisste die Rebellion den ganzen Krieg hindurch keinen einzigen Centime.

Der letzte Satz seiner E-Mail will mir nicht aus dem Kopf:

»Ich kehre endgültig zurück und habe einen Plan, halte dich bereit.«

Die Lautsprecher kündigen die Ankunft seines Flugs an, endlich sehe ich seine Maschine im Landeanflug … Die Räder berühren den Boden. Ich stecke beide Hände in die Hosentaschen, um das Zittern meiner Finger zu bändigen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals.

(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

MENU

M'R EMPFHELE

Copyright © 2009 Unsri Heimet. Theme par THAT Agency propulsé par WordPress.