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Unsri Heimet

Unsri Heimet – do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

„Unscheinbar und ohne jede journalistische Idee“

Von Johannes Weber

Die Geburt der modernen Zeitung vollzieht sich im Herbst 1605, und zwar an der politischen Peripherie des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, im elsässischen Straßburg. Für die Historiographie ist es ein besonderer Glücksfall, dass sich eine Geburtsurkunde erhalten hat, die den Akt in vollkommen unmissverständlicher Weise dokumentiert. Es handelt sich um eine „supplication“, eine Bittschrift also, die der junge Buchhändler, Zeitungsschreiber und Druckereiinhaber Johann Carolus an den Rat der Stadt richtet. Ziel seiner Eingabe ist es, die „Freyheit“ – also ein Privileg, und das heißt: ein örtliches Herstellungsmonopol – für ein neuartiges Produkt seiner Presse zu erhalten.

In seiner Person vereinigte Johann Carolus jene professionellen Tätigkeitsfelder, die bisher getrennt voneinander existiert hatten: die Druckerei als Technik des massenhaften Kopierens identischer Texte und die entwickelte Form der periodischen Zeitungsschreiberei. Die Kombination von beidem, also die Reproduktion der handschriftlichen wöchentlichen Nachrichtenbriefe mittels der Druckerpresse, bringt die revolutionäre Neuerung der modernen Zeitung hervor.

Carolus hat offenbar keine Vorstellung von der Reichweite seiner Erfindung gehabt. Nicht der Hauch einer journalistischen Idee bewegte ihn. Er verstand sein Geschäft weiterhin – wie bei der Avisenschreiberei – als reines Dienstleistungsgewerbe im Horizont vordemokratischen Herrschaftsinstrumentariums. Ihm ging es als nüchternem Unternehmer allein um die betriebswirtschaftliche Rationalisierung und Effektivierung seines Gewerbes – „zu gewinnung der Zeit“, weil es „mit dem Abschreiben langsam Zugangen“, wie Johann Carolus in seiner Bittschrift schrieb. Als findigem Kopf wird ihm auch bewusst gewesen sein, dass die Umsetzung der handschriftlichen Zeitungen in den Druck die Chance auf eine bedeutende Auflagen- und Absatzsteigerung eröffnete. Es hätte kaum Sinn gehabt, die einlaufenden Nachrichten in den arbeitsaufwendigen Satz und Druck zu geben, wenn dann weiter nur 15 bis 20 Zeitungsexemplare vertrieben worden wären. Das nämlich war im Avisengeschäft bisher die allwöchentliche Leistung, die eine Schreiberhand bewältigen konnte. Der Bezug einer handschriftlichen Zeitung war entsprechend teuer und einem exklusiven Abnehmerkreis vorbehalten gewesen – nur eine relativ kleine Gruppe zahlungskräftiger „Herren“ kam als Publikum in Frage. Das Medium „handschriftliche Wochenzeitung“ verfügte also noch nicht über die Qualität unbeschränkter öffentlicher Zugänglichkeit und damit allgemeiner Publizität. In dem Augenblick jedoch, in dem mittels der Druckerpresse jede Woche einige hundert Zeitungen auf den Markt geworfen werden konnten, führte die massenhafte Reproduktion zu einer drastischen Senkung der Stückkosten und zu einem qualitativen Sprung. Das teure, elitäre handschriftliche Medium im Herrendienst wurde sozusagen lautlos abgelöst von einem relativ preisgünstigen, öffentlich zum Verkauf stehenden und für viele Leser zugänglichen Nachrichtenträger. Damit wurde erstmals in der Geschichte die Haupteigenschaft eines modernen politischen Mediums Wirklichkeit: die allgemeine Publizität regelmäßiger aktueller Information.

Diese umwälzende Neuerung ist also dem Pionier Johann Carolus in Straßburg zu verdanken. Er druckte im Rhythmus der wöchentlich eintreffenden Post – und damit unüberbietbar schnell nach dem historischen Stand des Transportwesens – die jeweils neuesten Nachrichten aus der gesamten bekannten Welt. Das Herstellungsprinzip war äußerst simpel und erforderte nicht die geringste journalistische Fachkenntnis. Während die älteren chronikalischen Periodika, etwa die Messrelationen, eine auswählende und ordnende Redaktion der Nachrichten aufwiesen, gingen bei den ältesten Wochenzeitungen die politischen Korrespondenzen unverändert in Satz und Druck, wie Carolus bemerkt: „(…) ohn einigen Zusatz / unnd Anderst nicht / das wie sie geschriben hieher khommen“. Dieser Formel werden auch die späteren Zeitungsunternehmen folgen. Sie dient dem Schutz gegenüber möglichen Vorwürfen unwahrer oder anstößiger Berichterstattung und zeigt präzise das Ethos des Gewerbes: Die Zeitung hat ihrer Wahrheitspflicht genügt, wenn sie die einkommenden Meldungen unverändert wiedergibt; eine Prüfung des sachlichen Wahrheitsgehalts ist nicht die Sache des Zeitungsdruckers.

Wie sah die frühe deutsche Zeitung also in aller Regel aus? Nimmt man ein Blatt jener Epoche zur Hand, so bemerkt man zunächst: Es handelt sich noch keineswegs um jenen Riesenschmetterling in Folio, den wir heute auseinanderbreiten und der sich erst allmählich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eingebürgert hat. Vielmehr haben wir es mit einem überaus unscheinbaren Falter zu tun. Auf vier, später auch acht kleinformatigen Seiten (in Quart oder Oktav) findet sich eine Anzahl von Nachrichtenblöcken, meist mit vorangestellter Verzeichnung von Korrespondenzort und -datum. Die Reihung der Blöcke folgt keinem redaktionellen Schema, sondern spiegelt den Posteingang der Korrespondenzen zwischen den Druckterminen.

Kommentare zu den Nachrichten wird man vergebens suchen. Erst Ende des 17. Jahrhunderts finden sich in einem Hamburger Blatt, und zwar in der „Relation aus dem Parnasso“, die 1687 gegründet wurde, Ansätze zu einem Leitartikel und damit zu einer „räsonierenden“, das heißt: kommentierenden, diskutierenden, vorsichtig wertenden Berichterstattung. Diese Anfänge eines meinungsbildenden Journalismus in einer politischen Zeitung verdanken sich der spezifischen Hamburger Presselandschaft, in der die Konkurrenz mehrerer bereits bestehender Blätter zu publikumswirksamen Neuerungen herausfordert. Der frühe Hamburger Versuch einer räsonierenden Zeitung vermag jedoch keine Schule zu machen und bleibt bis in die Zeit der Französischen Revolution eine avantgardistische Ausnahme.

Wie die Straßburger „Relation“ verfügten viele der ältesten Zeitungen weder über einen Titel noch über einen Titelkopf. Meist erschienen sie völlig anonym, ohne Angabe von Verleger, Drucker oder Erscheinungsort. Carolus druckte immerhin, wie wir durch den erhaltenen Jahrgang 1609 der „Relation“ wissen, ein Jahrestitelblatt. Er nahm offenbar an, die Abonnenten würden die wöchentlichen Zeitungsausgaben sammeln und zu Jahresbänden vereinigen; jedem dieser Zeitungsbücher konnte dann das gelieferte Titelblatt vorgebunden werden. Tatsächlich bürgerte sich dieses Verfahren ein. Damit verwandelten sich die Zeitungen in eine detaillierte Weltchronik, nutzbar als zeitgeschichtliches Nachschlage- und Quellenwerk. Der Zeitungshistoriker ist, nebenher gesagt, dankbar für diese historische Praxis. Das Gros der heute noch vorhandenen Zeitungen aus dem 17. Jahrhundert ist in Sammelbänden überliefert und hat nur durch die Buchbindung – als wirksamste Art der Konservierung – bis in unsere Tage überlebt.

Die schmucklose, gleichsam „nackte“ Erscheinung der frühen Zeitung repräsentiert und dokumentiert ihren Ursprung: Von der handschriftlichen „Avise“ unterscheidet sie sich durch nichts als den Druck. Diese wie jene enthält fast ausschließlich trockene politische, diplomatische und militärische Lageberichte, und zwar aus der gesamten bekannten Welt. Nur gelegentlich sind Meldungen unpolitischer Art eingestreut, über Naturkatastrophen, Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Hungersnöte, Großbrände, Aufsehen erregende Kriminalfälle oder Wunderzeichen. Nur ausnahmsweise finden sich „Tatarennachrichten“, die auf Staunen, Aberglauben, Furcht und Mitleid im Publikum zielen, alte Wanderanekdoten sensationellen Gehalts etwa, die als neue authentische Meldungen angeboten werden.

Die überaus schlichte Form und Struktur der frühen Zeitung nivelliert auch die Ansprüche an den Kreis möglicher Produzenten und erweitert diesen beträchtlich. Mit der Beschränkung auf einfache typographische Reproduktion der Nachrichtenbriefe erübrigten sich die Anforderungen professioneller journalistischer Qualifikation und akademischer Bildung, wie sie bei den Verfassern der älteren Pressegattungen, der Flugblätter, Flugschriften, oder auch der Semestralrelationen, vorauszusetzen waren. Postmeister, die einen unmittelbaren Zugang zur passierenden Nachrichtenpost hatten, waren ebenso in der Lage wie örtliche Drucker, die Zeitungsherstellung nebengewerblich und ohne zusätzliche Personalkosten für Autoren oder einen Redakteur zu betreiben. Die „Gelehrtenrepublik“, der Kreis der Akademiker, hatte daher bis in die letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts keinen aktiven Anteil am Zustandekommen gedruckter Zeitungen. Wohl figurierten oft hochgebildete Staatsbeamte, Juristen, Militärs oder Privatleute als Korrespondenten, früh auch wurden die gedruckten Nachrichtenblätter von den Gelehrten genutzt. Doch die Verfertigung des Mediums selbst blieb eine Sache der Druckoffizin und des sub- oder nichtakademischen Dienstleistungsgewerbes.

Halten wir also fest: Die eine wichtige Bedingung für die Durchsetzung und den folgenden Siegeszug der neuen Pressegattung war das einfache Herstellungsverfahren. Die zweite Bedingung lag im Bereich der Rezeption infolge der veränderten historisch-politischen Weltlage. Des Carolus’ zündende Idee fiel in eine Zeit, in der das Bedürfnis nach aktueller politischer Information im Raum Europa dramatisch anstieg. Die Zeichen der internationalen Politik standen zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekanntlich auf Sturm und förderten die allgemeine politische Aufmerksamkeit und Wissbegierde. Mit dem Beginn jener verschränkten Sequenz von dreizehn Kriegen im Jahr 1618, die wir heute als „Dreißigjährigen Krieg“ bezeichnen, wurde es schließlich vielerorts sogar existenznotwendig, über die politisch-militärischen Vorgänge auf dem Laufenden zu sein, zumal aufgrund der kompliziert verwickelten politischen und dynastischen Verhältnisse geographisch scheinbar fern liegende Konflikte binnen kurzem Auswirkungen in nächster Nähe verursachen konnten. Zwar war die Zeitung kein eingeborenes Kind des Krieges, doch ihren historischen Durchbruch und ihre rasche Verbreitung erfuhr sie im Zusammenhang der militärisch eskalierenden Konflikte jener mitteleuropäischen Katastrophe. Hierzu einige Daten:

Nach der Straßburger Zeitung von 1605 erscheint im norddeutschen Wolfenbüttel im Jahr 1609 die zweitälteste Zeitung der Welt. Weitere Blätter entstehen 1610 in Basel, 1615 in Frankfurt am Main, 1617 in Berlin und 1618 in Hamburg. Nach dem „Prager Fenstersturz“, der den Beginn des großen Krieges markiert, kommt es zu einer regelrechten Welle von Zeitungsgründungen: 1619 in Danzig, Freiburg im Breisgau, Halberstadt, Hildesheim und Stuttgart; 1620 in Köln und wiederum Frankfurt am Main; 1621 in Güstrow, 1622 in Wien, 1623 noch einmal in Wien, in Königsberg und in Zürich (dort mit zwei konkurrierenden Blättern). Außerdem sind aus den Jahren 1618 bis 1623 Reste von neun Zeitungsunternehmen erhalten, deren Druckort bis heute ungeklärt ist.

Mit dem Kriegseintritt Schwedens und der Invasion 1630/31 erfolgt erneut ein starker Schub von mindestens einem Dutzend Zeitungsgründungen. Nach der kriegsbedingten Wirtschaftsdepression in den 1640er Jahren, die auch das Druck- und Zeitungswesen trifft, gibt es in der Mitte des 17. Jahrhunderts gut zwei Dutzend Blätter; am Ende des Jahrhunderts zählt man schließlich rund 60 parallel erscheinende Zeitungen. Die Versorgung des Publikums mit aktuellen politischen Nachrichten ist im deutschen Reich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts flächendeckend geworden.

Hinzu kam, dass der anschwellende Strom der Meldungen früh schon zu einer Frequenzverdichtung im Ausstoß der Blätter geführt hat. Seit den 1630er Jahren erschienen immer mehr Zeitungen nicht nur in wöchentlichem Abstand, sondern zwei- oder dreimal pro Woche. Im sächsischen Verkehrsknotenpunkt und Handelszentrum Leipzig sind aus den Jahren 1636 bis 1643 die „Einkommenden Wochentlichen Zeitungen“ überliefert, die im Durchschnitt schon wöchentlich fünfmal ausgegeben wurden. Daher ist wenig verwunderlich, daß Leipzig wenig später zum Geburtsort der ältesten Tageszeitung der Welt geworden ist. Seit dem 1. Juli 1650 gab hier der Drucker Timotheus Ritzsch ein Blatt mit dem Titel „Einkommende Zeitungen“ heraus, das wöchentlich sechsmal erschien.

Die Entwicklung der Auflagenhöhe der Blätter demonstriert schließlich, in welchem Umfang die einstige soziale Exklusivität des politischen Nachrichtenwesens durch den Druck aufgebrochen wurde. Schon in den 1620er Jahren erreichte die Frankfurter Postzeitung des kaiserlichen Postmeisters Johann von den Birghden eine Auflage von 450 Exemplaren; das Hamburger Pendant, die „Wöchentliche Zeitung auß mehrerley örther“ des „Frachtbestätters“ (also des Oberaufsehers des hamburgischen Speditionswesens) Johann Meyer, scheint zur gleichen Zeit sogar mit 1500 Exemplaren auf den Markt gelangt zu sein. Die durchschnittliche Auflage der Zeitungen im 17. Jahrhundert ist mit 350 bis 400 Exemplaren anzusetzen. Ein beachtlicher Teil der ausgegebenen Blätter kam nicht nur einem Einzelleser zu Gesicht, sondern ging durch viele Hände. Mancherorts entstanden Lesegesellschaften mit einer zweistelligen Zahl von Mitgliedern, die Zeitungen gemeinschaftlich bezogen und diskutierten.

Hochgerechnet ergibt sich daraus, dass die politischen Zeitungen zumindest seit der Mitte des 17. Jahrhunderts den ersten Platz in der Publizität aller damaligen Druckerzeugnisse einnahmen und jedenfalls der am meisten verbreitete weltliche Lesestoff waren. Nach besonders optimistischer Schätzung haben die Blätter regelmäßig 200 000 bis 250 000 Leser erreicht; das entspräche 20 bis 25 % aller damals Lesefähigen von ca. 1 Million – bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 15 Millionen. Selbst wenn man diesen Zahlen mit einer gewissen Skepsis begegnet, bleibt unbestreitbar, dass die Zeitungen über ein Publikum verfügten, das in eminentem Maße über die Gruppe jener hinausreichte, die ex professio mit der Lektüre politischer Nachrichten befasst waren – die Angehörigen der „Gelehrtenrepublik“ also und die Kreise der städtischen Räte, der Staatsbeamten und der Militärs.

Das Gros der Leser dürfte in der Schicht wohlhabender Stadtbürger zu suchen sein. Dort favorisierte man neben religiöser Erbauungsliteratur traditionell historisch-politische Lesestoffe. Doch auch Personen niedrigeren Standes war die Möglichkeit der Zeitungslektüre nicht verschlossen. Der Preis für das Jahresabonnement einer wöchentlichen Zeitung betrug, nach Belegen aus der zweiten Jahrhunderthälfte, etwa 2 Gulden; für ein Blatt, das wöchentlich zweimal erschien, waren im Durchschnitt 3 Gulden bzw. 2 Reichstaler aufzuwenden. Das entsprach ungefähr dem Wocheneinkommen eines Handwerksgesellen an der Spitze der Lohnskala. Der Preis bildete also keine ständisch-ökonomisch völlig unüberwindliche Schranke, jedenfalls nicht für den gelegentlichen Erwerb einzelner Zeitungsausgaben oder bei gemeinschaftlichem Bezug.

Trotz dieser günstigen Voraussetzungen scheint es in gewisser Hinsicht doch erstaunlich, dass die Verbreitung des neuen Mediums so rasch und enorm über den zahlenmäßig engen Abnehmerkreis der politisch Eingeweihten und Gebildeten hinausging. Denn die Schlichtheit der frühen Zeitung steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Verständlichkeit für ein laienhaftes Publikum. Für den Zeitungsunternehmer war es einfach und kostengünstig, das eingehende Nachrichtenmaterial redaktionell unverändert zu reproduzieren. Dem Leser aber wurde damit die Last übertragen, den Wust heterogener, ungeordneter und unkommentierter Meldungen aus eigener Kraft zu synthetisieren und zu interpretieren. Verschärfend kam hinzu, dass es sich bei den Korrespondenten, die aus den Zentren des politischen Geschehens berichteten, häufig um Fachleute im Dunstkreis der Macht, Staatsbeamte, Juristen und Militärs, handelte. Sie berichteten unbeirrt faktographisch und staubtrocken in ihrer Sprache, der des Diplomaten, des Staatsrechtlers oder des Offiziers, als schrieben sie für ihresgleichen. Tatsächlich war das häufig der Fall, denn viele solcher Korrespondenzen wurden zweifach verschickt: Einmal gingen sie unter Verschluss im Felleisen an Auftraggeber oder Vorgesetzte in regierungsamtlichen Stellen, zugleich aber wurden sie in Kopie und gegen gebührendes Entgelt an professionelle Avisenschreiber oder -drucker ausgeliefert.

Ein weiterer Grund für die Mutmaßung, die frühe Zeitung sei wenig attraktiv für ein größeres Publikum gewesen, könnte darin gesehen werden, dass die Berichterstattung vor allem Vorgänge aus der großen internationalen Politik zum Gegenstand hatte. Dagegen blieb das Lokale und Regionale, das den Lebensbereich des Lesers unmittelbar berührt hätte, vollkommen ausgespart. Hierfür sind zu dieser Zeit örtlich noch andere, meist orale Medien zuständig, vor allem die Kanzel.

Die Zeitung jedenfalls prosperierte und wurde dankbar überall gelesen, und zwar nicht nur von politischem Fachpersonal. Das zwingt zur Annahme, dass in jener Epoche eine Lesehaltung vorherrschte, die weit anspruchsloser auf Lektüreangebote reagierte, als uns das heute vertraut ist. Beim damaligen Mangel an Lesestoffen weltlichen, vor allem aktuell-politischen Gehalts, war wohl weniger entscheidend, sogleich den Zusammenhang und den Sinn der berichteten Ereignisse in allen Einzelheiten zu erfassen als überhaupt Fremdes und Neues zu erfahren. Mit der Zeitung entstand erstmals in der Geschichte ein preiswerter, stetig geöffneter aktueller Zugang zur großen Welt und zur Welt der Großen, wie undurchschaubar deren Auseinandersetzungen und Konflikte letztlich auch sein mochten.

Quelle : Journalistik

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