3.0.1" />
Unsri Heimet

Unsri Heimet – do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

Das Elsass retten (4/12)

Posted on novembre 8th, 2015 by Klapperstein

Unser Ziel war ein Dorf namens Heimweilerhausen. An diesem Tag stand das Dorffest an. Der Chef hatte den Bürgermeister angerufen und ihm, weiß der Kuckuck wie, die Erlaubnis zu einem Vortrag über die elsässische Geschichte abgerungen.

Als er mir sein Vorhaben darstellte, brach bei mir der Angstschweiß aus: Bierstände, Musikkapellen, fahrbare Flammenkuchenöfen und eine Predigt über die germanische Abstammung der Elsässer? Das passte wie die Faust aufs Auge! Oder vielleicht doch nicht? Ich behielt vorerst meine Bedenken für mich und hörte weiter zu. Doch mit einem Schlag trat er auf die Bremse und hielt am Straßenrand an.

Wir waren an lauter Maisfeldern vorbeigefahren und hatten jetzt rechts eine Kuhweide. Der Chef kletterte schon die Böschung hoch, sprang über den Zaun und lief querfeldein mitten durch das Revier der Kühe, die sich jedoch nicht weiter stören ließen. Ich folgte, ohne das rindviehische Hoheitsgebiet zu durchqueren, rannte das Gatter entlang um das Feld herum.

Da sah ich einen Bussard, der verzweifelt fortzufliegen versuchte, und immer wieder zu Boden fiel, als wäre er an den Füßen festgebunden. Der Chef zog sein Sweatshirt aus und bedeckte das Tier. Damit wurde es ruhiger und erlaubte ihm, es zu untersuchen: Die Krallen hatten sich in einem Draht verfangen. Es hätte den sicheren Tod bedeutet, wenn der Chef ihn von der Straße aus nicht gesehen hätte. Vorsichtig befreite er die beiden Füße. Schreiend flog der Vogel wieder fort.

Wir fuhren weiter und erreichten das Dorf nach einer Viertelstunde. Schon hundert Meter davor parkten die Autos links und rechts der Straße, so reihten wir uns ein und begaben uns zu Fuß zur Mairerie, wie das Rathaus auf Elsässerdeutsch heißt. Wir wurden schon erwartet. Der Bürgermeister, ein kugelrunder Mittfünfziger mit Walrossbart, schüttelte jedem die Hand und hieß uns willkommen. Nach den üblichen Floskeln über Wetter und Fahrt zeigte er uns den Weg.

Für den Vortrag hatte ich einen geschlossenen Raum im Kulturzentrum erwartet, doch führte er uns zum größten Bauernhof des Dorfes, dessen Eckbalken eine Inschrift trug, die mir ins Auge stach: »Erbaut 1610 Xaver u. Josefine Schmaus Herr segne dieses Haus«. Hinter dem riesigen Schiebetor, das zur Straße ging, lag links das eigentliche Bauernhaus, rechts die ehemaligen Stallungen, darüber die Knechtekammern – Räumlichkeiten, die längst als Mietwohnungen umgebaut worden waren – und hinten stand noch die alte Scheune, die das Viereck des etwa zweihundert Quadratmeter großen Hofs abschloss. Tische und Bänke standen in Reihen, alle besetzt, Bier und Wein schmierten die Kehlen, Würstchen und Pommes wurden emsig hinuntergedrückt. Lautsprecher berieselten das Ganze mit deutscher Schlagermusik. Ich bekam wieder Herzklopfen.

Es dauerte eine Weile, bis wir das Rednerpult am hinteren Ende des Hofs erreichten. Der Bürgermeister wurde auf Schritt und Tritt angesprochen, musste hier zwei Hände drücken, dort einen Termin versprechen, und als er endlich ans Mikrofon trat und die Musik schwieg, nahm seine Ansprache kein Ende. Ich wusste, dass ich für den Chef in diesem Moment keine Hilfe sein würde und verkroch mich in der Scheune. Hinter einem von Staub bedeckten Fensterchen, durch das ich ihn von hinten schemenhaft sah, vernahm ich seine ersten Worte.

Bald wurden die Menschen mucksmäuschenstill, das Raunen der Menge verschwand, kein Ruf, kein Auflachen, kein Klappern der Bestecke war mehr zu hören, der Chef sprach. Das, was er bei mir erreicht hatte, schaffte er auch hier. Er machte aus der Geschichte des Elsass ein spannendes Abenteuer. Beginnend mit den beiden Namen der Gründer des Hofes, die er wie ich auf dem Eckbalken gelesen hatte, erzählte er die verheerenden Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, die diese Bauern mit Sicherheit nicht überlebt hatten, erwähnte das Register der Stadt, das er aus dem Archiv des Départements kannte und wo die Bürger Heimweilerhausens die Gräueltaten der französischen Soldateska beschrieben.

Ich fühlte mich wie ein Idiot und schwor mir, fürs nächste Mal ein Diktiergerät zu kaufen um solche Vorträge aufzunehmen. Ich hatte nicht mal Bleistift und Papier dabei, so bin ich heute nicht mehr in der Lage, alles wortgetreu wiederzugeben. So viel ist sicher: Wie immer erzählte er nicht die Geschichte um der Geschichte willen. Was ihn interessierte, waren die Zusammenhänge und Auswirkungen in unserem Leben. Damit hatte der Bürgermeister scheinbar nicht gerechnet. Als der Chef anfing, die Autonomiebewegung der Zwischenkriegszeit zu besprechen, sah ich ihn mit rotem Kopf hin und her düsen, wahrscheinlich versuchte er, die Stimmung seiner Gemeinderäte zu erkunden. Doch schon hatte der Chef die Nachkriegszeit erreicht, der Moment, als Paris der elsässischen Kultur und Sprache den Garaus machen wollte.

Jetzt ertönten die ersten positiven Zwischenrufe. Ja, Frankreich hatte der deutschen Sprache im Elsass trotz Elyseevertrag den Krieg erklärt; ja, dadurch hatte es dem Ländel absichtlich dauerhaften Schaden zugefügt; ja, mit dem Verlust der Sprache verloren wir den Zugang zur eigenen Kultur und unsere Kinder zu den besten Arbeitsplätzen in Deutschland und in der Schweiz; und ja, damit standen wir noch schwächer vor der Krise da, als wir es ohnehin waren. Seine Rede gipfelte in dem Satz:

»De franzeesch Staat het Knächt üss uns gemacht un jetz will d’Europäisch Union uns versklave!«

Darauf folgte Beifallssturm. Von der Anerkennung des Publikums getragen, setzte er seinen Plan zur Rettung des Elsass auseinander: Schluss mit der repräsentativen, auf zur direkten Demokratie. Die Freiwilligen sollten sich sofort melden, man würde die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung auslosen. Heimweilerhausen war ab sofort von Frankreich und der Europäischen Union getrennt. Der unaufhaltsame Marsch des neuen Europa würde hier seinen Lauf nehmen. Als er den Hof damit zum ersten freien elsässischen Parlament erklärte, wurde es wieder still.

Spätestens hier wusste ich was kommen würde und handelte sofort. Was mich genau packte, weiß ich bis heute nicht, da ich sonst ein eher passiver Mensch bin. An der hinteren Seite der Scheune sah ich eine Tür und rannte hin: Sie war nicht verschlossen. Dann eilte ich zurück zum Fenster, schnappte im Vorbeigehen einen Stock, der an einem Heuwagen lehnte. Was ich befürchtet hatte, geschah.

Im neuen Parlament, erklärte der Chef, würde jeder an den Debatten teilnehmen dürfen, also alle Bewohner, auch jene, die die Staatsbürgerschaft noch nicht erhalten hatten. Damit brachte er auch den ersten Antrag ein: Sämtliche Illegale, die seit Jahren bei uns wohnten und Sklavenarbeit verrichteten, sollten vom neuen Staat Papiere bekommen, ihnen sollte die Ehre beschieden sein, die ersten freien Elsässer zu werden. Im gleichen Atemzug würde man den Krieg, den Frankreichs Eliten seit dreihundert Jahren gegen die afrikanischen Völkern führt, und sie damit zur Auswanderung nötigt, vor aller Welt an den Pranger stellen.

»Üssländer?«, drang eine Stimme aus der Menge, »Mit dämm Gsindel hann mir nix ze duen!«

Das war das Zeichen zum Angriff: Links erhob sich ein Mann, kletterte auf den Tisch, deutete mit dem Finger auf den Chef und kreischte auf französisch mit elsässischem Akzent:

»Tär lügt! Fir sind Frantsossenn! Är ist ain Natsi unt ain islamistischer Terrorist!«

Ich war aus der Scheune herausgeschlichen und sah eine Flasche Weißwein, von anonymer Hand aus dem Hintergrund geworfen, in rasanter Fahrt auf den Chef zufliegen.

»Buck di!«, schrie ich.

Zum Glück reagierte er auf der Stelle, so konnte ich, einem Baseballspieler gleich, das Geschoss mit dem Stock in Scherben schlagen. Die ersten Reihen wurden mit Wein und Glassplitter bespritzt. Es folgten Hilferufe, einer brüllte:

»Fange se, vorreb se abhaue!«

Ich packte den Chef am Unterarm und hastete mit ihm durch die Scheune. Draußen angekommen, versuchte ich die Tür mit dem Stock zu versperren, doch vergebens, nun mussten wir um unser Leben rennen.

Wir liefen durch winklige Gassen, an Gärten und uralten Mauern vorbei. Hinter uns johlte der Mob, Rufe eilten von Haus zu Haus, Hunde bellten aus allen Ecken, Holzschuhe klapperten auf dem Pflaster, Kochtöpfe schlugen Alarm und bald läuteten die Kirchenglocken Sturm.

Wir erreichten das Ende des Dorfs. Mir taten die Lungen schon weh. Vor uns lag eine frischgemähte Wiese, die sich, leicht bergab, bis zu einer doppelten Baumreihe erstreckte. Mit ziemlicher Gewissheit verbarg sie einen Fluss. Meine Schritte wurden immer kürzer, der Chef blieb auf meiner Höhe und spornte mich an. Vom Schweiß klebte mein Hemd schon im Rücken.

In der Mitte der Wiese angelangt, konnte ich nicht umhin, einen Blick nach hinten zu werfen und da sah ich sie: Das gesamte Dorf auf der ganzen Breite des Feldes, eine barfuß rennende Dampfwalze, die Frauen mit hochgezogenen Röcken, die nackten Schenkeln schwingend, die Männer mit schäumenden Mündern, Mistgabeln und Sensen hoch über ihre Köpfe haltend.

Ich beschleunigte das Tempo, als bräuchte ich nur aufs Gaspedal zu treten. Über den verrosteten Stacheldrahtzaun flogen wir mehr, als dass wir sprangen, fielen in ein Meer von Brennesseln, rollten die Böschung hinunter und stürzten in die rettende Flut der Zornthur, die uns im Nu wie Erdklumpen fortschwemmte.

Als ich den Kopf wieder aus dem Wasser streckte, lagen schon gute zweihundert Meter zwischen uns und der wilden Herde. Der Chef schwamm etwas weiter vor mir. Wir erreichten das andere Ufer. Durch dichtes Gebüsch kletterten wir aus dem Fluss. Wir waren am Rande eines Laubwaldes, der uns Sichtschutz bot. Da hielten wir nach unseren Verfolgern Ausschau. Sie hatten die Jagd aufgegeben.

Doch die Freude des Entkommens war von kurzer Dauer. Dicke Rauchschwaden kamen aus Heimweilerhausen. Bald war kein Zweifel mehr möglich: Unser Wohnmobil stand in Flammen.

Klitschnass, fröstelnd und wie betäubt zogen wir durch den Wald. Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, stießen wir wieder auf offene Felder. In der Abendsonne sahen wir eine Ansammlung von etwa zwanzig Wohnwagen. Kinder spielten im Freien, Männer standen um einen Feuer, Frauen bereiteten das Essen.

»Ziginer!«, sagte der Chef.

Wir waren gerettet. (Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

Das Elsass retten (3/12)

Posted on octobre 31st, 2015 by Klapperstein

Ich lese die Notizen durch, die ich mir während unserer zweiten Reise gemacht habe: Lose Blätter, Zettel, Bögen. Sogar Papiertüten und das Innere einer Nudelpackung mussten gelegentlich herhalten, um die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Manches ging unterwegs verloren, als wir Hals über Kopf flüchten mussten. Nun sitze ich vor dem Computer, habe eine neue Datei angelegt, ihr den Namen »Chef« gegeben und weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

»Mach’s kurz!«, hat er zu mir gesagt: »D’Mensche nämme sich ke Zitt meh zuem läse, konzentrier dich uff ‘s Wichtigschte! Wenn de ferti bisch, wurd die Gschicht unser Manifescht sinn, d’r Manifescht vum elsässische Autonomismus!«

Natürlich war ich zu feige um ihm zu sagen, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen bin. Seit Tagen sitze ich hier nur herum, halte Maulaffen feil, schmökere in alten Büchern, als würde ich dort eine Antwort finden, und mache einen Bogen um den Rechner wenn ich von der Bibliothek bis zu Couch gehe. Ich hasse mich.

Und doch muss ich mich ranmachen. Komme, was wolle.

Alles andere wäre Verrat.

Er war der einzige Passagier, der nicht vorm Fließband warten musste. Außer dem kleinen Rucksack, von dem er sich keine Sekunde trennte, hatte er kein Gepäck dabei. Mit seinem breiten Lächeln kam er stracks auf mich zu. Wir umarmten uns kurz. Ich fragte, ob die Reise gut verlaufen war, doch er eilte schon zum Ausgang:

»Komm«, sagte er, »ich erklär dir alles iwerem Fahre«.

Wir stiegen ins erste freie Taxi. Doch kaum fuhr es los, standen wir in einem Wald. Verdutzt sahen wir uns an: Wo waren die Autos, der Flughafen, die Leute, unser Taxi? Ringsum versperrten kerzengerade Stämme die Aussicht, zehn Meter über unsere Köpfen bildeten die Baumkronen eine Decke, die die Umgebung in Dunkelheit tauchte.

Mir wurde mulmig. Der Chef lief schon suchend hin und her:

»In die Richtung muehn m’r gehn!«, rief er kurz darauf.

Wir stapften durch den Blätterteppich auf das, was uns als eine Lichtung erschien. Nach hundert Metern stellte sich heraus, dass es der Waldrand war. Er befand sich auf einer Anhöhe. Eine Stadt lag uns zu Füßen, die ich mit Sicherheit noch nie besucht hatte, die mir jedoch in ihrer primitiv militärischen Konzipierung seltsam bekannt vorkam.

Fächerartig führten alle Hauptstraßen zum gleichen Platz, auf dem sich ein riesiger Prunkbau befand. Dieser lag am Fuß eines Berges, auf dem eine dunkelgraue Festung die ganze Landschaft beherrschte. Trikoloren wehten über jedem der wuchtigen Zinnentürme und sie waren so groß, dass sie die Fassade um einen Drittel zu erweitern schienen. Das Ganze hatte etwas Bedrückendes, ich hätte nicht sagen können, warum.

Während ich noch in meine Betrachtung vertieft war, hatte der Chef schon einen Pfad gefunden, der sich bergab bis zu einer Straße schlängelte, mit der wir die Stadt erreichten. Wir betraten einen dieser Boulevards auf dessen ganzen Länge der Palast am anderen Ende nicht zu übersehen war. Es gab aber keine Seitenstraßen. Zwischen den Gebäuden sah man nichts anderes als Hinterhöfe oder Sackgassen. Es ging nur auf das Palais zu oder von ihm weg, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Es wimmelte von Menschen und als wir durch die Menge gingen, hörte ich urplötzlich Stimmen in meinem Kopf. Ich war so erstaunt, dass ich stehen blieb und mich dem Chef zuwandte. Im gleichen Moment drehte er sich auch um und sah mich mit gerunzelter Stirn an:

»Kommt her zu uns! Kommt her!«, riefen sie, »Ihr sollt den Fluss befreien! Den Fluss!«.

Der Fußgängerstrom lief unaufhörlich an uns vorbei, wir waren die einzigen, die diese Rufe hörten. Anfangs waren sie laut gewesen und wurden dann immer leiser. Als am Ende nur noch ein Wispern übrig blieb, packte mich jemand an den Schultern und schüttelte mich.

Ich erwachte auf dem hinteren Sitz des Taxis. Der Chef saß neben mir, rief meinen Namen und gab mir zwei drei Klapse auf den Wangen. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder zu mir kam. Wir waren gar nicht erst losgefahren. Der Fahrer erklärte, wir wären sofort eingenickt. Er hatte versucht uns zu wecken, und war drauf und dran gewesen, den Notdienst anzurufen, als der Chef wieder zu sich gekommen war.

Wir waren nicht nur gleichzeitig eingeschlafen, sondern hatten denselben parallelen Traum gehabt. Er konnte mir genau den Wald, die Stadt, das Schloss beschreiben, und wiederholte den Ruf, den wir gehört hatten.

»Im Moment kenne m’r nix demit anfange,« sagte er dann, »es isch nix schlimms passiert, mir muehn jetz an unseri Arweit denke.«

Er gab dem Fahrer eine Adresse und wir fuhren los. Ich fragte ihn wohin die Reise ging. Sichtlich genoss er mein Erstaunen, als er mir sagte, dass unser Ziel ein Wohnmobilhändler in der Nähe von Mühlhausen war. Was hatte das zu bedeuten?

Er öffnete sein Fenster, als wäre das Auto zu klein, um mir seine Idee zu erklären. Der Fahrtwind zerzauste seine Haare. Er begann zu reden und ich erkannte den Freund der Afrikareise. Seine Arme machten große Bewegungen, immer wieder berührte er meinen Unterarm, suchte meinen Blick und guckte dann wieder nach vorn.

Mit leuchtenden Augen setzte er mir sein Konzept einer permanenten Kampagne auseinander. Von nun an würden wir von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt fahren, im ganzen Elsass, das ganze Jahr hindurch. Wir mussten den Elsässern zuhören und mit ihnen reden, ihnen ihre Geschichte zurückgeben und damit die Macht, ihr Leben und ihre Zukunft endlich wieder selbst zu gestalten.

»Awer Achtung!«, hier erhob er den Zeigefinger: Auf keinen Fall durften wir den Fehler begehen, an irgendeiner Wahl teilnehmen zu wollen. Die einzige Instanz, die eine Entscheidung über das Gemeinwesen noch treffen sollte, sei die Versammlung der Bürger in den Gemeindesälen, an der jeder teilnehmen dürfte. Kontakte aufnehmen, ein Netzwerk des guten Willens aufbauen. Schrittweise und gemeinsam eine Verfassung erstellen in einer Sprache, die jeder versteht. Es ging um das Recht auf gesunde Ernährung, auf kostenlose Behandlung und Bildung, auf freie Wahl des Berufs und für alle Kinder das Recht auf beide historischen Sprachen des Elsass: Deutsch und Französisch. Und zwar gleichberechtigt. Diese Rechte, aber auch die Pflichten, die mit ihnen verbunden sind, wollten wir für immer in unserem Leben und unserem Land verankern.

Das würde das Ende der überholten Gebietskörperschaften und Staatsorgane einläuten. Die professionellen Politiker und die aus Paris ernannten Behördenleiter würden sich eine neue Laufbahn aussuchen dürfen, z.B. als Schuster, Ingenieure oder Museumswächter, um endlich nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

Wie immer riss er mich mit. Es waren nicht nur seine Worte: Sein ganzes Wesen erweckte eine für tot geglaubte Hoffnung in mir und stachelte mich zum Handeln an. Während er sprach, drehten sich zwei Worte unaufhörlich in meinem Kopf: Warum nicht? Damit rückte all das, was ich für unmöglich gehalten hatte, in greifbarer Nähe.

»Ich mein ‘s ernscht«, sagte er und sah mir fest ins Auge, »vun jetz ab will ich mich däre Sach vollständig widme: Machsch mit?«

»Uff jede Fall!«, sagte ich nur, und schon hielt unser Taxi vor dem Geschäft.

Es war eines dieser Gebäude aus Stahl und Glas, wie man sie zu tausenden in den Industriegebieten sehen kann. Auf dem Gelände drumherum standen etwa dreihundert neue und gebrauchte Wohnmobile zur Schau. Ich zahlte den Fahrer und als er wegfuhr, kreiste der Chef schon um den größten der angebotenen Brummer.

»Was saasch dezue?«, fragte er.

Er stieg hinein, ohne meine Antwort abzuwarten. Ich folgte ihm, blieb aber auf der Trittstufe stehen und spähte durch die Tür. Es roch nach neuem Plastik und frischem Leder.

Leise vor sich hin pfeifend öffnete er alle Schubladen, Koffer und Schränke, begutachtete den Küchenherd, den Baderaum, maß mit ausgestrecktem Arm die Deckenhöhe, klopfte gegen die Trennwand zur Heckgarage unter dem hinteren Bett, probierte die Sitzecke, legte sich hin, stand wieder auf und sah sich noch einmal um mit einem zustimmenden »Mhm!«. Dann nahm er Platz auf dem Fahrersitz, bewunderte das Armaturenbrett, hielt das Lenkrad mit beiden Händen, sah aus der Windschutzscheibe und blickte in den Rückspiegel. Zum Schluss ließ er das Hubbett über dem Fahrerhaus herunter, deutete darauf mit einer einladenden Geste und sagte:

»Din Schlofzimmer!«

Da stand plötzlich ein hemdsärmeliger Lulatsch mit blonder Mähne und Krawatte hinter mir, der uns in gespreiztem Französisch zu verstehen gab, dass wir unbegleitet nicht in die Exponate steigen durften.

»Der Karrich isch schun verkauft!«, rief ihm der Chef entgegen.

Worauf der andere seine Mahnung auf Englisch wiederholte.

Der Chef wollte keine Zeit mit unnötiger Aufregung über die sprachliche Ignoranz des elsässischen Durchschnittsverkäufers verschwenden. Wie er es mir kurz darauf mitteilte, war nämlich der erste Termin unseres Kreuzzugs schon festgelegt. Eine Stunde später kutschierten wir mit dem brandneuen, vollgetankten Wohnmobil durch die Gegend.(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

Das Elsass retten (2/12)

Posted on octobre 25th, 2015 by Klapperstein

Ich, der ich euch diese Geschichte erzähle, sitze in einer Lounge des Flughafens Basel-Mülhausen und warte auf den Chef. Sein Flug hat Verspätung. Vor mir steht schon der zweite Cappuccino. Sonst trinke ich nie Kaffee. Um mich herum nur leere Gesichter, eilende Passagiere, gelangweilte Sicherheitsleute. Also nutze ich die Zeit, um euch zu schildern, wie ich ihn kennenlernte.

Es war in der Sahara im Süden Algeriens unweit des Fleckchens In-Eker. Ich war auf die wahnwitzige Idee gekommen, hier allein eine Wanderung zu unternehmen und hatte mich verlaufen. Ich hatte kein Wasser mehr und lag im Sterben. Plötzlich hörte ich das Bimmeln kleiner Glöckchen und es erschienen aus allen Himmelsrichtungen Menschen mit Bauchläden, die Sandsäckchen verkauften. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich im Begriff war, einen Zehnerpack zu ramschen, ein Schnäppchen, bei dem ich zehn Cent pro Säckchen gespart hätte.

Doch eine Hand hielt meinen Arm zurück, der den Geldschein schon hinstreckte. Es war der Chef. Er gab mir zu trinken, half mir wieder auf die Beine und erklärte mir, dass wir nicht bleiben durften. In dieser Gegend hatte die französische Armee zwischen 1961 und 1966 dreizehn Atombomben explodieren lassen. Die Kolonialherren hatten sich nie darum bemüht, den Schaden wirklich zu beheben. Hier lauerte der Tod. Wir mussten verschwinden.

Gemeinsam machten wir uns auf den langen Weg zurück nach Europa. Ich habe von dieser Reise nur eines in Erinnerung: Unsere Gespräche. Wir gingen von morgens bis abends und redeten. Wir ritten keine Kamele, fuhren nicht mit Bussen, ich glaube auch nicht, dass wir geflogen sind. Sind wir zwischen Karthago und Marsala, zwischen Messina und San Giovanni auf dem Mittelmeer gegangen? Ich könnte nicht schwören, dass wir es nicht taten.

Mit dem ersten Satz hatte jeder den anderen als Elsässer erkannt. Beim zweiten wussten wir, dass wir die gleiche Leidenschaft teilten. Zugegeben: Er war derjenige, der am meisten sprach und seine Worte ersetzten mir das Essen und Trinken. Er war ein Buch, eine wandelnde Bibliothek, der mit tausend Anekdoten und Pointen in reinster Stroßburjer Mundart unsere Geschichte erzählte.

Als Germanen beritten wir die Ebene zwischen Rhein und Vogesen, als Mönche schauten wir über Kollege Ottfrieds Schulter und wohnten der Geburtsstunde der deutschen Literatur bei; als Bürger der Stadt Straßburg gewannen wir die Schlacht gegen unseren Bischof und gründeten eine freie Republik. Wir waren zwei barfüßige Nichtsnutze, klauten hier drei Kartoffeln, dort ein ganzes Huhn, sahen den Mädchen nach, erfanden Liebeserklärungen und spitzten die Ohren, wenn ein Schauspieler auf offener Straße aus Sebastian Brandts Narrenschiff vorlas. Als Kleinbauern schlossen wir uns dem Bundschuh an, liefen nach Davos und dreschflegelten einen Großen dieser Welt windelweich.

Mal war es ein Feldarbeiter, der uns auf dem Weg grüßte, mal stand eine Frau vor ihrer Haustür und bot uns ein Glas Wasser an: Dann sprach der Chef im Maghreb abwechselnd Arabisch oder Kabylisch, in Italien Italienisch. Wir gingen über den Brenner. Er zeigte mir den Südtiroler Weg, als Minderheit in einem Zentralstaat weiterzubestehen. Hier begann der deutsche Sprachraum, hier fühlte er sich zuhause.

»Spiersch«, sagte er, »spiersch wie d’Heimet sich anfiehlt, wie se schmeckt! Un waje dämm mues m’r immer widder furt: fir d’Heimkehr stäriker ze genieße!«

Damals maß ich dieser Aussage nicht ihre volle Bedeutung bei. Sie hätte mir den Stich ins Herz viel früher gegeben. Ich hätte mich auf die unvermeidliche Trennung vorbereiten können. Denn hier muss ich es gestehen: Ich reise äußerst ungern, eigentlich nie. Diese Wanderung durch die Sahara war eine Ausnahme gewesen, ein Selbstmordversuch.

Es dauerte Jahre, bis ich es endlich erkannte. Der Chef hatte mich nicht nur vor dem Verdursten gerettet, sondern auch vor mir selbst. Ich hatte sterben wollen, weil ich das deutliche Gefühl hatte, vom Nichts verdaut zu werden. Und dieses Nichts hatte er mit Worten, mit seinem Lächeln, mit seiner Energie weggewischt.

Er blieb nicht lange im Elsass, er hielt es einfach nicht aus, unsere Herdentiermentalität entmutigte ihn. Eines Tages kam er zu mir und sagte, er hätte die Gelegenheit, eine Perlenzucht in Tahiti zu übernehmen, er hatte das Flugticket schon gekauft. Die Nachricht schnürte mir die Kehle zu. Tags darauf war er weg und ich nahm mein Stubenhockerdasein wieder auf.

Ich lebte von nun an das ganze Jahr nur noch für die zwei Sommermonate, in denen er für seine Geschäfte zurück in die Heimat flog, und für die monatliche Post aus Papeete. Er hatte nämlich eine autonomistische Zeitschrift gegründet, für die er weiterhin schrieb. Mir schickte er die Artikel zu. Das waren die Lichtblicke meines Lebens, die mir Mut machten, um Monat für Monat die zweitausend Adressen der Abonnenten auf die Umschläge zu kleben.

Später kam das Internet. Seither sind wir fast täglich in Verbindung. Und gestern erhielt ich diese E-Mail, in der er mir die Episode mit Wolfi bis ins letzte Detail beschrieb und sagte, dass er nun endgültig zurück ins Elsass wollte.

Die Fluganzeigetafel rattert … Da! Papeete! Mist! Immer noch keine präzisere Angabe über die Verspätung … Also kann ich euch weiter vom Chef erzählen.

Seine Mutter Jeanine. Als ich sie kennenlernte, war sie noch hell im Kopf. Ich besuchte sie zweimal die Woche im Altersheim. Sie erzählte mir aus ihrem Leben. Wenn sie sprach, vergaß ich meine leere Wohnung und sie die allzu sauberen Flure der Anstalt, den süßlichen Geruch industrieller Fertiggerichte und die Stille des Alltags, die nur von Fernsehlärm unterbrochen wurde.

Sie stammte aus einer Krämerfamilie in Buchsweiler, hatte dort ihre Kindheit zwischen Obst- und Gemüsekörben, Kommunalschule, Suppenwürfeln und Büchsenmilch verbracht. Eine gediegene Eintönigkeit, die nur vom Krieg unterbrochen wurde, vor allem als er zu Ende ging und die Befreier ins Städtchen einzogen. Jeanine bekam damals mit siebzehn zum ersten Mal süßes Herzklopfen.

Am 22. November 1944, sie erinnerte sich an den Tag genau, hatte eine Kolonne amerikanischer Militärfahrzeuge in ihrer Straße haltgemacht. Die Menschen liefen aus den Häusern, um die Soldaten zu begrüßen und staunten nicht wenig, als sie entdeckten, dass es französische Einheiten waren. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, Neugierige strömten aus der Nachbarschaft herbei, bald war das ganze Städtchen von Jubel und Gesang erfüllt.

Aus der Luke eines Shermanpanzers, der wenige Meter vom elterlichen Geschäft stand, ragte der unbehelmte Kopf eines jungen Mannes, den niemand zu bemerken schien. Jeanine trat aus dem Laden, musterte ihn verstohlen und tat, als ihre Blicke sich kreuzten, etwas Unerhörtes, das aber in der allgemeinen Begeisterung nicht auffiel: Sie kletterte auf das eiserne Monster und küsste ihn.

Er hieß Achmed und kam aus Oran in Algerien. Seit ihrer Landung in der Normandie kämpfte er in der französischen Division an vorderster Front. Doch der siegreiche Krieger, der unsagbare Scheußlichkeiten erlebt hatte, errötete und senkte den Blick vor dem jungen Mädchen. Da er nichts anderes dabei hatte, schenkte er ihr eine angebrochene Zigarettenpackung. Sie rannte in ihr Zimmer hoch und brachte ihm einen weißen, seidenen Schal ihrer Großmutter, für dessen Verlust sie später von ihrer Mutter gescholten wurde. Er legte ihn sich um den Hals und bedankte sich.

Aber die Zeit drängte. Die Offensive ging weiter nach Straßburg. Ein paar Worte, ein Adressentausch und das Versprechen, sich zu schreiben. Am unteren Ende der Straße fuhren schon die ersten Halftracks los. Achmed setzte seinen Helm auf und fuhr mit den anderen weiter. Das Regiment verschwand, wie es gekommen war.

Jeanines junge Liebe wurde in den folgenden Monaten auf eine harte Probe gestellt. Die französische »Poste aux armées« tolerierte die Korrespondenz zwischen Soldaten der Kolonien und Französinnen nicht. Als Absender schrieb sie immer die Adresse einer ihrer Tanten und ihre Briefe kamen alle ungeöffnet zurück. Mehr als fünfzig Jahre später zeigte sie mir das Bündel nicht zugestellter Umschläge, die sie aufgehoben hatte.

Achmed kam zurück. Am Tag des Waffenstillstands besetzte seine Einheit den Berghof in Obersalzberg. Für den ersten Urlaub meldete er Buchsweiler im Elsass als Aufenthaltsort an.

Der Tag des Wiedersehens wurde für Jeanine der schönste und schrecklichste ihres Lebens. Sie versprach Achmed ewige Liebe und wurde am Abend von ihren Eltern beschimpft und geohrfeigt wie noch nie. Für diese war er längst kein Befreier mehr, sondern nur ein hergelaufener Araber, der sich ja nicht einbilden sollte, er würde eines Tages Besitzer ihres Geschäfts werden.

Jeanine war noch minderjährig und musste sich fügen. Achmed blieb Soldat. Der Kampf um Europa war beendet, nun zog Frankreich in Asien in den Krieg: Mit Kanonen und Napalm gegen die Viêt Minh. Diesmal fanden die Verliebten Mittel, die Postzensur zu umgehen, trotzdem blieben sie sechs volle Jahre getrennt. Ich fragte Jeanine, wie sie es als junge Frau so lange ausgehalten hatte. Sie wusste es selbst nicht mehr.

Achmed kam auch aus diesem Krieg zurück. Ein Kopfschuss beendete seine Soldatenkarriere. Als sie das erzählte, zeigte Jeanine einen Kreis mit Zeigefinger und Daumen: So groß war das Stück Schädelknochen, das ihm von nun an fehlte. Aber die Verletzung hatte keine weitere Konsequenzen. Er verbrachte einige Wochen im Lazarett, dann heirateten sie in Straßburg. Der Bruch mit ihren Eltern war endgültig.

Auf so einem Flughafen erfährst du nichts. Und ich bin nicht der Typ, der zum Schalter läuft und fragt und nicht nachgibt, bis er seine Information hat. Ich bin halt ein viel zu braver Geselle … Immer noch kein Chef in Sicht. Weiter mit Jeanine.

Wo war ich stehengeblieben? Hochzeit. Kleine Neubauwohnung im Straßburger Vorort Neuhof. Anfangs arbeiteten beide, sie als Sekretärin, er als Metallarbeiter. Und da geschah es. Leider konnte Jeanine nur wenig darüber berichten. Sie interessierte sich nicht für Politik. Auf jeden Fall trat Achmed einer Gewerkschaft bei und kam so zum ersten Mal mit Leuten der Unabhängigkeitsbewegung in Berührung.

Was genau passierte in seinem Kopf? So viel ist sicher: Vom braven Eingeborenen, der für das »Vaterland« Kopf und Kragen riskiert hatte, wurde er zum aufrechtstehenden Algerier, der sich für die Befreiung seine Volkes einsetzte. Wahrscheinlich vollzog sich dieser Prozess nach und nach, durch Lektüren, Gespräche, Teilnahme an Versammlungen …

Oder vielleicht nicht? Erfuhr er eines Tages über die Geschehnisse von Sétif am 8. Mai 1945 und wurde so schlagartig zum Widerstandskämpfer? Die französischen Zeitungen berichteten nicht darüber und wenn, dann verharmlosten sie es. Dabei genügten schon die nackten Tatsachen, um jeden vernünftigen Menschen in blanke Wut zu versetzen: Genau an dem Tag, an dem Achmed als Sieger auf Hitlers Terrasse saß und die Berglandschaft genoss, massakrierte die Armee, in der er gekämpft hatte, zehntausend seiner Landsleute, und diese Zahl ist von allen Sourcen die geringste.

Eines steht fest: Als sein Sohn zur Welt kam, gehörte Achmed längst der Bewegung an. Und er wird wohl den Tag dieser Geburt als Zeichen des Himmels interpretiert und sich in seinem Engagement gestärkt gefühlt haben. Der Chef kam am ersten November 1954 in Straßburg zur Welt, der Tag, der als »Rotes Allerheiligen« in die Geschichte eintrat, weil siebzig Bombenanschläge in Algerien den Auftakt zum Befreiungskrieg gaben.

Ich glaube, da rührt sich was. Um die Anzeigetafel zu sehen muss ich aufstehen … Nur noch eine halbe Stunde! Es geschehen doch Zeichen und Wunder. Für eine letzte Episode haben wir noch Zeit.

Achmed griff nicht zu den Waffen: Nach seiner Verletzung hatte er die Uniform an den Nagel gehängt. Er war ein junger Vater, der Kampf fand in Algerien statt und außerdem hätte Jeanine es nicht ertragen. Während des ganzen Krieges lag kein einziger Revolver, nicht einmal ein Taschenmesser, auch nicht vorübergehend, in ihrer Wohnung, sagte sie stolz. Dafür setzte er sich umso mehr im Untergrund ein.

Der Krieg wurde neben anderen Quellen auch von den zahlreichen Algeriern finanziert, die in Frankreich lebten und Geld verdienten. Vertrauensleute der Nationalen Befreiungsfront – FLN – sammelten in aller Heimlichkeit ihre Steuern ein und leiteten sie an höhere Stellen weiter. Oft wurde ihnen dabei von sogenannten Kofferträgern geholfen: Franzosen, die den algerischen Widerstand befürworteten und sich engagierten.

Jeanine hatte für Politik nichts übrig, doch stand sie ihrem Mann bei. Ihr Säugling war auch für die Bewegung ein Geschenk des Himmels. Sie schmunzelte, wenn sie es erzählte:

»Die zwei odder drei Mol, wo sie m’r mini Papierer verlangt hann, isch ke Schandarm uff die Idee komme, d’ Kinderkütsch ze durichsueche!«

Das Geld wurde in der Matratze gestopft, und Jeanine konnte, unverdächtig wie sie als Französin mit Kleinkind war, ohne Sorge ganz Straßburg durchqueren. Als das Kind größer wurde, fand man andere Lösungen. Jeanine erinnerte sich an einen dreirädrigen Traktor aus Holz, dessen Motor ein Geheimfach verbarg. So wurde der Chef, wenn auch ohne Koffer, zum jüngsten und erfolgreichsten Kofferträger der Geschichte, und aus Achmeds Bezirk vermisste die Rebellion den ganzen Krieg hindurch keinen einzigen Centime.

Der letzte Satz seiner E-Mail will mir nicht aus dem Kopf:

»Ich kehre endgültig zurück und habe einen Plan, halte dich bereit.«

Die Lautsprecher kündigen die Ankunft seines Flugs an, endlich sehe ich seine Maschine im Landeanflug … Die Räder berühren den Boden. Ich stecke beide Hände in die Hosentaschen, um das Zittern meiner Finger zu bändigen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals.

(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

Das Elsass retten (1/12)

Posted on octobre 21st, 2015 by Klapperstein

Eines Tages, als der Chef sich auf seiner Terrasse entspannte, sprach ihn sein Hund Wolfi unwirsch an:

»Was sitzt du hier und streckst die Beine aus? In deiner Heimat verkümmert die Kultur! Deine Sprache liegt im Sterben!«

Verdutzt sah er den Köter an.

»Wolfi … du kannst sprechen?«

»Versuch nicht, abzulenken, tu was!«

»Aber was soll ich tun?«

»Das musst du selbst herausfinden, so kann es mit dir nicht weitergehen! Steh endlich auf!«

Allmählich kam der Chef aus dem Staunen heraus:

»Sag mal … Was soll dieser Ton? Du bist immerhin nur ein Hund! Ich hab’ dich aus der Gosse gezogen, ohne mich wärst du im Kochtopf gelandet!«

Sagte es, zog seine linke Sandale aus und hielt sie schlagbereit über den Kopf. Doch Wolfi machte keine Anstalten, zu flüchten. Er sah das Herrchen mit durchbohrendem Blick an und sagte nach einer Pause:

»Es wäre das erste Mal, dass du Gewalt gegen mich anwendest. Habe ich einen wunden Punkt berührt?«

»Kusch!«, kläffte der Chef.

»Na, wer sagt’s denn?«, antwortete Wolfi, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Chef stand auf, lehnte sich ans Geländer und schaute in die Ferne. Vor seinen Füßen lag die offene Bucht von Papeete, auf hundertachtzig Grad erstreckte sich der pazifische Ozean. Am Horizont ging die Sonne unter.

»Womit sollte ich denn anfangen?«, fragte er nach einer Weile.

»Hör schon mal auf, dich selbst zu belügen.«

»Was meinst du damit?«

»Ich beobachte dich seit längerer Zeit. Du gehst nicht mehr aufrecht, dein Teint ist blass, deine Augen vergilben … du siehst nicht gut aus!«

Der Chef eilte ins Badezimmer, beugte sich über das Waschbecken und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Seine Miene verfinsterte sich. Er setzte sich auf den Rand der Badewanne und sah vor sich hin.

»Du hast Recht,« sagte er, »ich bin alt geworden.«

Wolfi war ihm gefolgt:

»Nein, es ist viel schlimmer als das.«

»So?«

»Ja. Du tust das Schlimmste, was ein Mensch tun kann.«

»Und das wäre?«

»Du verzichtest auf deinen Traum.«

Der Chef reagierte erst nicht. Doch plötzlich sprang er hoch, rannte in die Küche, nahm eine Dose Foie gras aus dem Kühlschrank, öffnete sie, löffelte die Pastete in den Hundenapf und stellte ihn Wolfi hin. Dieser schnupperte nicht mal an der Köstlichkeit, sondern sah ihn lange mit großen Augen an, die sagten:

»Glaubst du im Ernst, dass du mich damit zum Schweigen bringen kannst?«

»Mir geht es verdammt noch mal gut hier!«, platzte der Chef und gab dem Napf einen Tritt. Dieser flog aus der Küche ins Wohnzimmer und prallte gegen die Fenstertür der Terrasse. Boden und Möbel wurden gesprenkelt, ein größerer Klumpen Foie gras blieb an der Scheibe kleben und rutschte hinunter auf den Kamelhaarteppich.

»Kritzegottverdammi nochemol!«, fluchte der Chef, füllte einen Plastikeimer mit heißem Wasser, holte Schwamm und Waschmittel und fing an, auf allen Vieren zu scheuern.

»Und?«, fragte er nach einer Weile, »freust du dich, das Herrchen kriechen zu sehen?«

Wolfi hatte sich an seinem gewohnten Platz vor der Bücherwand hingelegt. Er stieß einen Seufzer aus und antwortete ohne den Kopf zu heben:

»Nein. Mich fasziniert nur, wie du immer wieder die tollsten Ausreden findest, um nicht das zu tun, was du wirklich tun möchtest.«

Der Chef ließ den Schwamm in den Eimer platschen und krabbelte bis zur Hundedecke.

»Na bitteschön! Was möchte ich tun? Was fehlt mir denn hier?«

»Es steht mir nicht zu, dir das zu erklären. Du brauchst nur in dich zu gehen: Schließ die Augen und betrachte dich so, wie du bist. Schon hast du die Antwort so klar und selbstverständlich wie die Quelle auf der Bergwiese, wenn die Sonne auf dem Rinnsal glitzert.«

Eine große Stille trat ein. Wolfi hatte den Kopf erhoben und ließ das Herrchen nicht aus den Augen.

»Was soll ich denn mit den Elsässern anfangen!«, schrie der Chef, »Das Schlimmste was passieren konnte, ist bereits eingetreten: Das Elsass gehört Frankreich! Schlimmer noch: Die Elsässer sind froh über ihr französisches Schicksal, sie freuen sich, wenn ihre alte Kultur den Bach runtergeht, ich kann doch diese Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen!«

»Als du hierher gezogen bist«, antwortete Wolfi in aller Ruhe, »sagtest du, du wolltest dir einen Traum erfüllen: Perlenzüchter werden und darüber hinaus die einmalige Chance nutzen, die Entwicklung der Unabhängigkeitsbewegung Tahitis aus der Nähe zu betrachten. Der Traum ist Wirklichkeit geworden: Dein Geschäft floriert. Aber Tahiti ist immer noch eine französische Kolonie. Bleibt also nur die einzige Frage, die es wert ist, gestellt zu werden: Bist du wirklich zufrieden mit deinem Leben hier? Guck dich im Spiegel an, sag ja, und du wirst mich nie wieder sprechen hören.«

»Du Hund!«, platzte der Chef. »Ich führe ein ruhiges Leben hier am Meer, mit Sonne, Terrasse und Computer, was anderes will ich gar nicht!«

Wolfi schnaufte und erhob sich, nun standen sie sich Auge in Auge gegenüber:

»Ich wollte dich damit schonen, aber du lässt mir keine andere Wahl. Du hast es so gewollt.«

»Was hab ich so gewollt?«, antwortete der Chef höhnisch, »Was wirst du mir denn schon so Wichtiges zu sagen haben!«

»Etwas, das du schon seit langem weißt, ohne es dir zuzugestehen: Die einfache Tatsache, als Franzose hier in Tahiti zu leben, macht dich zum Komplizen der Kolonialherrschaft, du trägst zur Unterdrückung der Freiheit und zur Vernichtung der einheimischen Sprache bei.«

Der Chef hob die Faust, um zuzuschlagen, doch wie ein Blitz paralysierte ihn ein Hexenschuss. Eine Stunde lang konnte er sich nicht mehr bewegen, der Schweiß lief ihm an den Gliedern hinunter.

Die Nacht kam und es blieb ihm nichts anderes übrig, als vorsichtig bis zum Hundehaus zu kriechen, das er gebaut und das Wolfi nie benutzte. Dort schaffte er es, in der Fötus-Lage zu übernachten.

Währenddessen machte es sich der Hund im großen Chefbett bequem und las Melchior Reiffs »Der erste Diener und seine Knechte«.

Am nächsten Morgen kroch der Chef aus dem Hundehaus heraus. Er konnte wieder aufrecht gehen. Nach dem Frühstück fragte er seinen Hund:

»Wirst du mit mir kommen, Wolfi?«

»Nein«, antwortete der, »ich bin hier geboren, ich will endlich mein eigener Herr werden.«

An diesem Tag verkaufte der Chef Haus und Perlenzucht einem Tahitianer zum Spottpreis und machte sich mit einem Sack voll Geld auf den Weg zum Flughafen.
(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

MENU

M'R EMPFHELE

Copyright © 2009 Unsri Heimet. Theme par THAT Agency propulsé par WordPress.