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Unsri Heimet

Unsri Heimet – -do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

Das Elsass retten (4/12)

Posted on novembre 8th, 2015 by Klapperstein

Unser Ziel war ein Dorf namens Heimweilerhausen. An diesem Tag stand das Dorffest an. Der Chef hatte den Bürgermeister angerufen und ihm, weiß der Kuckuck wie, die Erlaubnis zu einem Vortrag über die elsässische Geschichte abgerungen.

Als er mir sein Vorhaben darstellte, brach bei mir der Angstschweiß aus: Bierstände, Musikkapellen, fahrbare Flammenkuchenöfen und eine Predigt über die germanische Abstammung der Elsässer? Das passte wie die Faust aufs Auge! Oder vielleicht doch nicht? Ich behielt vorerst meine Bedenken für mich und hörte weiter zu. Doch mit einem Schlag trat er auf die Bremse und hielt am Straßenrand an.

Wir waren an lauter Maisfeldern vorbeigefahren und hatten jetzt rechts eine Kuhweide. Der Chef kletterte schon die Böschung hoch, sprang über den Zaun und lief querfeldein mitten durch das Revier der Kühe, die sich jedoch nicht weiter stören ließen. Ich folgte, ohne das rindviehische Hoheitsgebiet zu durchqueren, rannte das Gatter entlang um das Feld herum.

Da sah ich einen Bussard, der verzweifelt fortzufliegen versuchte, und immer wieder zu Boden fiel, als wäre er an den Füßen festgebunden. Der Chef zog sein Sweatshirt aus und bedeckte das Tier. Damit wurde es ruhiger und erlaubte ihm, es zu untersuchen: Die Krallen hatten sich in einem Draht verfangen. Es hätte den sicheren Tod bedeutet, wenn der Chef ihn von der Straße aus nicht gesehen hätte. Vorsichtig befreite er die beiden Füße. Schreiend flog der Vogel wieder fort.

Wir fuhren weiter und erreichten das Dorf nach einer Viertelstunde. Schon hundert Meter davor parkten die Autos links und rechts der Straße, so reihten wir uns ein und begaben uns zu Fuß zur Mairerie, wie das Rathaus auf Elsässerdeutsch heißt. Wir wurden schon erwartet. Der Bürgermeister, ein kugelrunder Mittfünfziger mit Walrossbart, schüttelte jedem die Hand und hieß uns willkommen. Nach den üblichen Floskeln über Wetter und Fahrt zeigte er uns den Weg.

Für den Vortrag hatte ich einen geschlossenen Raum im Kulturzentrum erwartet, doch führte er uns zum größten Bauernhof des Dorfes, dessen Eckbalken eine Inschrift trug, die mir ins Auge stach: »Erbaut 1610 Xaver u. Josefine Schmaus Herr segne dieses Haus«. Hinter dem riesigen Schiebetor, das zur Straße ging, lag links das eigentliche Bauernhaus, rechts die ehemaligen Stallungen, darüber die Knechtekammern – Räumlichkeiten, die längst als Mietwohnungen umgebaut worden waren – und hinten stand noch die alte Scheune, die das Viereck des etwa zweihundert Quadratmeter großen Hofs abschloss. Tische und Bänke standen in Reihen, alle besetzt, Bier und Wein schmierten die Kehlen, Würstchen und Pommes wurden emsig hinuntergedrückt. Lautsprecher berieselten das Ganze mit deutscher Schlagermusik. Ich bekam wieder Herzklopfen.

Es dauerte eine Weile, bis wir das Rednerpult am hinteren Ende des Hofs erreichten. Der Bürgermeister wurde auf Schritt und Tritt angesprochen, musste hier zwei Hände drücken, dort einen Termin versprechen, und als er endlich ans Mikrofon trat und die Musik schwieg, nahm seine Ansprache kein Ende. Ich wusste, dass ich für den Chef in diesem Moment keine Hilfe sein würde und verkroch mich in der Scheune. Hinter einem von Staub bedeckten Fensterchen, durch das ich ihn von hinten schemenhaft sah, vernahm ich seine ersten Worte.

Bald wurden die Menschen mucksmäuschenstill, das Raunen der Menge verschwand, kein Ruf, kein Auflachen, kein Klappern der Bestecke war mehr zu hören, der Chef sprach. Das, was er bei mir erreicht hatte, schaffte er auch hier. Er machte aus der Geschichte des Elsass ein spannendes Abenteuer. Beginnend mit den beiden Namen der Gründer des Hofes, die er wie ich auf dem Eckbalken gelesen hatte, erzählte er die verheerenden Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, die diese Bauern mit Sicherheit nicht überlebt hatten, erwähnte das Register der Stadt, das er aus dem Archiv des Départements kannte und wo die Bürger Heimweilerhausens die Gräueltaten der französischen Soldateska beschrieben.

Ich fühlte mich wie ein Idiot und schwor mir, fürs nächste Mal ein Diktiergerät zu kaufen um solche Vorträge aufzunehmen. Ich hatte nicht mal Bleistift und Papier dabei, so bin ich heute nicht mehr in der Lage, alles wortgetreu wiederzugeben. So viel ist sicher: Wie immer erzählte er nicht die Geschichte um der Geschichte willen. Was ihn interessierte, waren die Zusammenhänge und Auswirkungen in unserem Leben. Damit hatte der Bürgermeister scheinbar nicht gerechnet. Als der Chef anfing, die Autonomiebewegung der Zwischenkriegszeit zu besprechen, sah ich ihn mit rotem Kopf hin und her düsen, wahrscheinlich versuchte er, die Stimmung seiner Gemeinderäte zu erkunden. Doch schon hatte der Chef die Nachkriegszeit erreicht, der Moment, als Paris der elsässischen Kultur und Sprache den Garaus machen wollte.

Jetzt ertönten die ersten positiven Zwischenrufe. Ja, Frankreich hatte der deutschen Sprache im Elsass trotz Elyseevertrag den Krieg erklärt; ja, dadurch hatte es dem Ländel absichtlich dauerhaften Schaden zugefügt; ja, mit dem Verlust der Sprache verloren wir den Zugang zur eigenen Kultur und unsere Kinder zu den besten Arbeitsplätzen in Deutschland und in der Schweiz; und ja, damit standen wir noch schwächer vor der Krise da, als wir es ohnehin waren. Seine Rede gipfelte in dem Satz:

»De franzeesch Staat het Knächt üss uns gemacht un jetz will d’Europäisch Union uns versklave!«

Darauf folgte Beifallssturm. Von der Anerkennung des Publikums getragen, setzte er seinen Plan zur Rettung des Elsass auseinander: Schluss mit der repräsentativen, auf zur direkten Demokratie. Die Freiwilligen sollten sich sofort melden, man würde die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung auslosen. Heimweilerhausen war ab sofort von Frankreich und der Europäischen Union getrennt. Der unaufhaltsame Marsch des neuen Europa würde hier seinen Lauf nehmen. Als er den Hof damit zum ersten freien elsässischen Parlament erklärte, wurde es wieder still.

Spätestens hier wusste ich was kommen würde und handelte sofort. Was mich genau packte, weiß ich bis heute nicht, da ich sonst ein eher passiver Mensch bin. An der hinteren Seite der Scheune sah ich eine Tür und rannte hin: Sie war nicht verschlossen. Dann eilte ich zurück zum Fenster, schnappte im Vorbeigehen einen Stock, der an einem Heuwagen lehnte. Was ich befürchtet hatte, geschah.

Im neuen Parlament, erklärte der Chef, würde jeder an den Debatten teilnehmen dürfen, also alle Bewohner, auch jene, die die Staatsbürgerschaft noch nicht erhalten hatten. Damit brachte er auch den ersten Antrag ein: Sämtliche Illegale, die seit Jahren bei uns wohnten und Sklavenarbeit verrichteten, sollten vom neuen Staat Papiere bekommen, ihnen sollte die Ehre beschieden sein, die ersten freien Elsässer zu werden. Im gleichen Atemzug würde man den Krieg, den Frankreichs Eliten seit dreihundert Jahren gegen die afrikanischen Völkern führt, und sie damit zur Auswanderung nötigt, vor aller Welt an den Pranger stellen.

»Üssländer?«, drang eine Stimme aus der Menge, »Mit dämm Gsindel hann mir nix ze duen!«

Das war das Zeichen zum Angriff: Links erhob sich ein Mann, kletterte auf den Tisch, deutete mit dem Finger auf den Chef und kreischte auf französisch mit elsässischem Akzent:

»Tär lügt! Fir sind Frantsossenn! Är ist ain Natsi unt ain islamistischer Terrorist!«

Ich war aus der Scheune herausgeschlichen und sah eine Flasche Weißwein, von anonymer Hand aus dem Hintergrund geworfen, in rasanter Fahrt auf den Chef zufliegen.

»Buck di!«, schrie ich.

Zum Glück reagierte er auf der Stelle, so konnte ich, einem Baseballspieler gleich, das Geschoss mit dem Stock in Scherben schlagen. Die ersten Reihen wurden mit Wein und Glassplitter bespritzt. Es folgten Hilferufe, einer brüllte:

»Fange se, vorreb se abhaue!«

Ich packte den Chef am Unterarm und hastete mit ihm durch die Scheune. Draußen angekommen, versuchte ich die Tür mit dem Stock zu versperren, doch vergebens, nun mussten wir um unser Leben rennen.

Wir liefen durch winklige Gassen, an Gärten und uralten Mauern vorbei. Hinter uns johlte der Mob, Rufe eilten von Haus zu Haus, Hunde bellten aus allen Ecken, Holzschuhe klapperten auf dem Pflaster, Kochtöpfe schlugen Alarm und bald läuteten die Kirchenglocken Sturm.

Wir erreichten das Ende des Dorfs. Mir taten die Lungen schon weh. Vor uns lag eine frischgemähte Wiese, die sich, leicht bergab, bis zu einer doppelten Baumreihe erstreckte. Mit ziemlicher Gewissheit verbarg sie einen Fluss. Meine Schritte wurden immer kürzer, der Chef blieb auf meiner Höhe und spornte mich an. Vom Schweiß klebte mein Hemd schon im Rücken.

In der Mitte der Wiese angelangt, konnte ich nicht umhin, einen Blick nach hinten zu werfen und da sah ich sie: Das gesamte Dorf auf der ganzen Breite des Feldes, eine barfuß rennende Dampfwalze, die Frauen mit hochgezogenen Röcken, die nackten Schenkeln schwingend, die Männer mit schäumenden Mündern, Mistgabeln und Sensen hoch über ihre Köpfe haltend.

Ich beschleunigte das Tempo, als bräuchte ich nur aufs Gaspedal zu treten. Über den verrosteten Stacheldrahtzaun flogen wir mehr, als dass wir sprangen, fielen in ein Meer von Brennesseln, rollten die Böschung hinunter und stürzten in die rettende Flut der Zornthur, die uns im Nu wie Erdklumpen fortschwemmte.

Als ich den Kopf wieder aus dem Wasser streckte, lagen schon gute zweihundert Meter zwischen uns und der wilden Herde. Der Chef schwamm etwas weiter vor mir. Wir erreichten das andere Ufer. Durch dichtes Gebüsch kletterten wir aus dem Fluss. Wir waren am Rande eines Laubwaldes, der uns Sichtschutz bot. Da hielten wir nach unseren Verfolgern Ausschau. Sie hatten die Jagd aufgegeben.

Doch die Freude des Entkommens war von kurzer Dauer. Dicke Rauchschwaden kamen aus Heimweilerhausen. Bald war kein Zweifel mehr möglich: Unser Wohnmobil stand in Flammen.

Klitschnass, fröstelnd und wie betäubt zogen wir durch den Wald. Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, stießen wir wieder auf offene Felder. In der Abendsonne sahen wir eine Ansammlung von etwa zwanzig Wohnwagen. Kinder spielten im Freien, Männer standen um einen Feuer, Frauen bereiteten das Essen.

»Ziginer!«, sagte der Chef.

Wir waren gerettet. (Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

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