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Unsri Heimet

Unsri Heimet – do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

Das Elsass retten (1/12)

Posted on octobre 21st, 2015 by Klapperstein

Eines Tages, als der Chef sich auf seiner Terrasse entspannte, sprach ihn sein Hund Wolfi unwirsch an:

»Was sitzt du hier und streckst die Beine aus? In deiner Heimat verkümmert die Kultur! Deine Sprache liegt im Sterben!«

Verdutzt sah er den Köter an.

»Wolfi … du kannst sprechen?«

»Versuch nicht, abzulenken, tu was!«

»Aber was soll ich tun?«

»Das musst du selbst herausfinden, so kann es mit dir nicht weitergehen! Steh endlich auf!«

Allmählich kam der Chef aus dem Staunen heraus:

»Sag mal … Was soll dieser Ton? Du bist immerhin nur ein Hund! Ich hab’ dich aus der Gosse gezogen, ohne mich wärst du im Kochtopf gelandet!«

Sagte es, zog seine linke Sandale aus und hielt sie schlagbereit über den Kopf. Doch Wolfi machte keine Anstalten, zu flüchten. Er sah das Herrchen mit durchbohrendem Blick an und sagte nach einer Pause:

»Es wäre das erste Mal, dass du Gewalt gegen mich anwendest. Habe ich einen wunden Punkt berührt?«

»Kusch!«, kläffte der Chef.

»Na, wer sagt’s denn?«, antwortete Wolfi, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Chef stand auf, lehnte sich ans Geländer und schaute in die Ferne. Vor seinen Füßen lag die offene Bucht von Papeete, auf hundertachtzig Grad erstreckte sich der pazifische Ozean. Am Horizont ging die Sonne unter.

»Womit sollte ich denn anfangen?«, fragte er nach einer Weile.

»Hör schon mal auf, dich selbst zu belügen.«

»Was meinst du damit?«

»Ich beobachte dich seit längerer Zeit. Du gehst nicht mehr aufrecht, dein Teint ist blass, deine Augen vergilben … du siehst nicht gut aus!«

Der Chef eilte ins Badezimmer, beugte sich über das Waschbecken und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Seine Miene verfinsterte sich. Er setzte sich auf den Rand der Badewanne und sah vor sich hin.

»Du hast Recht,« sagte er, »ich bin alt geworden.«

Wolfi war ihm gefolgt:

»Nein, es ist viel schlimmer als das.«

»So?«

»Ja. Du tust das Schlimmste, was ein Mensch tun kann.«

»Und das wäre?«

»Du verzichtest auf deinen Traum.«

Der Chef reagierte erst nicht. Doch plötzlich sprang er hoch, rannte in die Küche, nahm eine Dose Foie gras aus dem Kühlschrank, öffnete sie, löffelte die Pastete in den Hundenapf und stellte ihn Wolfi hin. Dieser schnupperte nicht mal an der Köstlichkeit, sondern sah ihn lange mit großen Augen an, die sagten:

»Glaubst du im Ernst, dass du mich damit zum Schweigen bringen kannst?«

»Mir geht es verdammt noch mal gut hier!«, platzte der Chef und gab dem Napf einen Tritt. Dieser flog aus der Küche ins Wohnzimmer und prallte gegen die Fenstertür der Terrasse. Boden und Möbel wurden gesprenkelt, ein größerer Klumpen Foie gras blieb an der Scheibe kleben und rutschte hinunter auf den Kamelhaarteppich.

»Kritzegottverdammi nochemol!«, fluchte der Chef, füllte einen Plastikeimer mit heißem Wasser, holte Schwamm und Waschmittel und fing an, auf allen Vieren zu scheuern.

»Und?«, fragte er nach einer Weile, »freust du dich, das Herrchen kriechen zu sehen?«

Wolfi hatte sich an seinem gewohnten Platz vor der Bücherwand hingelegt. Er stieß einen Seufzer aus und antwortete ohne den Kopf zu heben:

»Nein. Mich fasziniert nur, wie du immer wieder die tollsten Ausreden findest, um nicht das zu tun, was du wirklich tun möchtest.«

Der Chef ließ den Schwamm in den Eimer platschen und krabbelte bis zur Hundedecke.

»Na bitteschön! Was möchte ich tun? Was fehlt mir denn hier?«

»Es steht mir nicht zu, dir das zu erklären. Du brauchst nur in dich zu gehen: Schließ die Augen und betrachte dich so, wie du bist. Schon hast du die Antwort so klar und selbstverständlich wie die Quelle auf der Bergwiese, wenn die Sonne auf dem Rinnsal glitzert.«

Eine große Stille trat ein. Wolfi hatte den Kopf erhoben und ließ das Herrchen nicht aus den Augen.

»Was soll ich denn mit den Elsässern anfangen!«, schrie der Chef, »Das Schlimmste was passieren konnte, ist bereits eingetreten: Das Elsass gehört Frankreich! Schlimmer noch: Die Elsässer sind froh über ihr französisches Schicksal, sie freuen sich, wenn ihre alte Kultur den Bach runtergeht, ich kann doch diese Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen!«

»Als du hierher gezogen bist«, antwortete Wolfi in aller Ruhe, »sagtest du, du wolltest dir einen Traum erfüllen: Perlenzüchter werden und darüber hinaus die einmalige Chance nutzen, die Entwicklung der Unabhängigkeitsbewegung Tahitis aus der Nähe zu betrachten. Der Traum ist Wirklichkeit geworden: Dein Geschäft floriert. Aber Tahiti ist immer noch eine französische Kolonie. Bleibt also nur die einzige Frage, die es wert ist, gestellt zu werden: Bist du wirklich zufrieden mit deinem Leben hier? Guck dich im Spiegel an, sag ja, und du wirst mich nie wieder sprechen hören.«

»Du Hund!«, platzte der Chef. »Ich führe ein ruhiges Leben hier am Meer, mit Sonne, Terrasse und Computer, was anderes will ich gar nicht!«

Wolfi schnaufte und erhob sich, nun standen sie sich Auge in Auge gegenüber:

»Ich wollte dich damit schonen, aber du lässt mir keine andere Wahl. Du hast es so gewollt.«

»Was hab ich so gewollt?«, antwortete der Chef höhnisch, »Was wirst du mir denn schon so Wichtiges zu sagen haben!«

»Etwas, das du schon seit langem weißt, ohne es dir zuzugestehen: Die einfache Tatsache, als Franzose hier in Tahiti zu leben, macht dich zum Komplizen der Kolonialherrschaft, du trägst zur Unterdrückung der Freiheit und zur Vernichtung der einheimischen Sprache bei.«

Der Chef hob die Faust, um zuzuschlagen, doch wie ein Blitz paralysierte ihn ein Hexenschuss. Eine Stunde lang konnte er sich nicht mehr bewegen, der Schweiß lief ihm an den Gliedern hinunter.

Die Nacht kam und es blieb ihm nichts anderes übrig, als vorsichtig bis zum Hundehaus zu kriechen, das er gebaut und das Wolfi nie benutzte. Dort schaffte er es, in der Fötus-Lage zu übernachten.

Währenddessen machte es sich der Hund im großen Chefbett bequem und las Melchior Reiffs »Der erste Diener und seine Knechte«.

Am nächsten Morgen kroch der Chef aus dem Hundehaus heraus. Er konnte wieder aufrecht gehen. Nach dem Frühstück fragte er seinen Hund:

»Wirst du mit mir kommen, Wolfi?«

»Nein«, antwortete der, »ich bin hier geboren, ich will endlich mein eigener Herr werden.«

An diesem Tag verkaufte der Chef Haus und Perlenzucht einem Tahitianer zum Spottpreis und machte sich mit einem Sack voll Geld auf den Weg zum Flughafen.
(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

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