3.0.1" />
Unsri Heimet

Unsri Heimet – do sin m'r d'heim ! Das Elsass, unsri Heimet !

Das Elsass retten (3/12)

Posted on octobre 31st, 2015 by Klapperstein

Ich lese die Notizen durch, die ich mir während unserer zweiten Reise gemacht habe: Lose Blätter, Zettel, Bögen. Sogar Papiertüten und das Innere einer Nudelpackung mussten gelegentlich herhalten, um die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Manches ging unterwegs verloren, als wir Hals über Kopf flüchten mussten. Nun sitze ich vor dem Computer, habe eine neue Datei angelegt, ihr den Namen »Chef« gegeben und weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

»Mach’s kurz!«, hat er zu mir gesagt: »D’Mensche nämme sich ke Zitt meh zuem läse, konzentrier dich uff ‘s Wichtigschte! Wenn de ferti bisch, wurd die Gschicht unser Manifescht sinn, d’r Manifescht vum elsässische Autonomismus!«

Natürlich war ich zu feige um ihm zu sagen, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen bin. Seit Tagen sitze ich hier nur herum, halte Maulaffen feil, schmökere in alten Büchern, als würde ich dort eine Antwort finden, und mache einen Bogen um den Rechner wenn ich von der Bibliothek bis zu Couch gehe. Ich hasse mich.

Und doch muss ich mich ranmachen. Komme, was wolle.

Alles andere wäre Verrat.

Er war der einzige Passagier, der nicht vorm Fließband warten musste. Außer dem kleinen Rucksack, von dem er sich keine Sekunde trennte, hatte er kein Gepäck dabei. Mit seinem breiten Lächeln kam er stracks auf mich zu. Wir umarmten uns kurz. Ich fragte, ob die Reise gut verlaufen war, doch er eilte schon zum Ausgang:

»Komm«, sagte er, »ich erklär dir alles iwerem Fahre«.

Wir stiegen ins erste freie Taxi. Doch kaum fuhr es los, standen wir in einem Wald. Verdutzt sahen wir uns an: Wo waren die Autos, der Flughafen, die Leute, unser Taxi? Ringsum versperrten kerzengerade Stämme die Aussicht, zehn Meter über unsere Köpfen bildeten die Baumkronen eine Decke, die die Umgebung in Dunkelheit tauchte.

Mir wurde mulmig. Der Chef lief schon suchend hin und her:

»In die Richtung muehn m’r gehn!«, rief er kurz darauf.

Wir stapften durch den Blätterteppich auf das, was uns als eine Lichtung erschien. Nach hundert Metern stellte sich heraus, dass es der Waldrand war. Er befand sich auf einer Anhöhe. Eine Stadt lag uns zu Füßen, die ich mit Sicherheit noch nie besucht hatte, die mir jedoch in ihrer primitiv militärischen Konzipierung seltsam bekannt vorkam.

Fächerartig führten alle Hauptstraßen zum gleichen Platz, auf dem sich ein riesiger Prunkbau befand. Dieser lag am Fuß eines Berges, auf dem eine dunkelgraue Festung die ganze Landschaft beherrschte. Trikoloren wehten über jedem der wuchtigen Zinnentürme und sie waren so groß, dass sie die Fassade um einen Drittel zu erweitern schienen. Das Ganze hatte etwas Bedrückendes, ich hätte nicht sagen können, warum.

Während ich noch in meine Betrachtung vertieft war, hatte der Chef schon einen Pfad gefunden, der sich bergab bis zu einer Straße schlängelte, mit der wir die Stadt erreichten. Wir betraten einen dieser Boulevards auf dessen ganzen Länge der Palast am anderen Ende nicht zu übersehen war. Es gab aber keine Seitenstraßen. Zwischen den Gebäuden sah man nichts anderes als Hinterhöfe oder Sackgassen. Es ging nur auf das Palais zu oder von ihm weg, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Es wimmelte von Menschen und als wir durch die Menge gingen, hörte ich urplötzlich Stimmen in meinem Kopf. Ich war so erstaunt, dass ich stehen blieb und mich dem Chef zuwandte. Im gleichen Moment drehte er sich auch um und sah mich mit gerunzelter Stirn an:

»Kommt her zu uns! Kommt her!«, riefen sie, »Ihr sollt den Fluss befreien! Den Fluss!«.

Der Fußgängerstrom lief unaufhörlich an uns vorbei, wir waren die einzigen, die diese Rufe hörten. Anfangs waren sie laut gewesen und wurden dann immer leiser. Als am Ende nur noch ein Wispern übrig blieb, packte mich jemand an den Schultern und schüttelte mich.

Ich erwachte auf dem hinteren Sitz des Taxis. Der Chef saß neben mir, rief meinen Namen und gab mir zwei drei Klapse auf den Wangen. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder zu mir kam. Wir waren gar nicht erst losgefahren. Der Fahrer erklärte, wir wären sofort eingenickt. Er hatte versucht uns zu wecken, und war drauf und dran gewesen, den Notdienst anzurufen, als der Chef wieder zu sich gekommen war.

Wir waren nicht nur gleichzeitig eingeschlafen, sondern hatten denselben parallelen Traum gehabt. Er konnte mir genau den Wald, die Stadt, das Schloss beschreiben, und wiederholte den Ruf, den wir gehört hatten.

»Im Moment kenne m’r nix demit anfange,« sagte er dann, »es isch nix schlimms passiert, mir muehn jetz an unseri Arweit denke.«

Er gab dem Fahrer eine Adresse und wir fuhren los. Ich fragte ihn wohin die Reise ging. Sichtlich genoss er mein Erstaunen, als er mir sagte, dass unser Ziel ein Wohnmobilhändler in der Nähe von Mühlhausen war. Was hatte das zu bedeuten?

Er öffnete sein Fenster, als wäre das Auto zu klein, um mir seine Idee zu erklären. Der Fahrtwind zerzauste seine Haare. Er begann zu reden und ich erkannte den Freund der Afrikareise. Seine Arme machten große Bewegungen, immer wieder berührte er meinen Unterarm, suchte meinen Blick und guckte dann wieder nach vorn.

Mit leuchtenden Augen setzte er mir sein Konzept einer permanenten Kampagne auseinander. Von nun an würden wir von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt fahren, im ganzen Elsass, das ganze Jahr hindurch. Wir mussten den Elsässern zuhören und mit ihnen reden, ihnen ihre Geschichte zurückgeben und damit die Macht, ihr Leben und ihre Zukunft endlich wieder selbst zu gestalten.

»Awer Achtung!«, hier erhob er den Zeigefinger: Auf keinen Fall durften wir den Fehler begehen, an irgendeiner Wahl teilnehmen zu wollen. Die einzige Instanz, die eine Entscheidung über das Gemeinwesen noch treffen sollte, sei die Versammlung der Bürger in den Gemeindesälen, an der jeder teilnehmen dürfte. Kontakte aufnehmen, ein Netzwerk des guten Willens aufbauen. Schrittweise und gemeinsam eine Verfassung erstellen in einer Sprache, die jeder versteht. Es ging um das Recht auf gesunde Ernährung, auf kostenlose Behandlung und Bildung, auf freie Wahl des Berufs und für alle Kinder das Recht auf beide historischen Sprachen des Elsass: Deutsch und Französisch. Und zwar gleichberechtigt. Diese Rechte, aber auch die Pflichten, die mit ihnen verbunden sind, wollten wir für immer in unserem Leben und unserem Land verankern.

Das würde das Ende der überholten Gebietskörperschaften und Staatsorgane einläuten. Die professionellen Politiker und die aus Paris ernannten Behördenleiter würden sich eine neue Laufbahn aussuchen dürfen, z.B. als Schuster, Ingenieure oder Museumswächter, um endlich nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

Wie immer riss er mich mit. Es waren nicht nur seine Worte: Sein ganzes Wesen erweckte eine für tot geglaubte Hoffnung in mir und stachelte mich zum Handeln an. Während er sprach, drehten sich zwei Worte unaufhörlich in meinem Kopf: Warum nicht? Damit rückte all das, was ich für unmöglich gehalten hatte, in greifbarer Nähe.

»Ich mein ‘s ernscht«, sagte er und sah mir fest ins Auge, »vun jetz ab will ich mich däre Sach vollständig widme: Machsch mit?«

»Uff jede Fall!«, sagte ich nur, und schon hielt unser Taxi vor dem Geschäft.

Es war eines dieser Gebäude aus Stahl und Glas, wie man sie zu tausenden in den Industriegebieten sehen kann. Auf dem Gelände drumherum standen etwa dreihundert neue und gebrauchte Wohnmobile zur Schau. Ich zahlte den Fahrer und als er wegfuhr, kreiste der Chef schon um den größten der angebotenen Brummer.

»Was saasch dezue?«, fragte er.

Er stieg hinein, ohne meine Antwort abzuwarten. Ich folgte ihm, blieb aber auf der Trittstufe stehen und spähte durch die Tür. Es roch nach neuem Plastik und frischem Leder.

Leise vor sich hin pfeifend öffnete er alle Schubladen, Koffer und Schränke, begutachtete den Küchenherd, den Baderaum, maß mit ausgestrecktem Arm die Deckenhöhe, klopfte gegen die Trennwand zur Heckgarage unter dem hinteren Bett, probierte die Sitzecke, legte sich hin, stand wieder auf und sah sich noch einmal um mit einem zustimmenden »Mhm!«. Dann nahm er Platz auf dem Fahrersitz, bewunderte das Armaturenbrett, hielt das Lenkrad mit beiden Händen, sah aus der Windschutzscheibe und blickte in den Rückspiegel. Zum Schluss ließ er das Hubbett über dem Fahrerhaus herunter, deutete darauf mit einer einladenden Geste und sagte:

»Din Schlofzimmer!«

Da stand plötzlich ein hemdsärmeliger Lulatsch mit blonder Mähne und Krawatte hinter mir, der uns in gespreiztem Französisch zu verstehen gab, dass wir unbegleitet nicht in die Exponate steigen durften.

»Der Karrich isch schun verkauft!«, rief ihm der Chef entgegen.

Worauf der andere seine Mahnung auf Englisch wiederholte.

Der Chef wollte keine Zeit mit unnötiger Aufregung über die sprachliche Ignoranz des elsässischen Durchschnittsverkäufers verschwenden. Wie er es mir kurz darauf mitteilte, war nämlich der erste Termin unseres Kreuzzugs schon festgelegt. Eine Stunde später kutschierten wir mit dem brandneuen, vollgetankten Wohnmobil durch die Gegend.(Fortsetzung folgt)

Quelle : hewwemi.net

Comments are closed.

MENU

M'R EMPFHELE

Copyright © 2009 Unsri Heimet. Theme par THAT Agency propulsé par WordPress.